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„Niemand darf auf der Strecke bleiben“

Von Rosemarie Hein, Jutta Krellmann, erschienen in Clara, Ausgabe 36,

Jutta Krellmann und Rosemarie Hein über die Notwendigkeit von Bildung und Weiterbildung angesichts radikaler Veränderungen in der Arbeitswelt

Die Gewerkschaften sind am 1. Mai selbstbewusst mit dem Motto „Die Zukunft der Arbeit gestalten wir!“ aufgetreten. Ist das mehr Wunsch als Wirklichkeit?

Jutta Krellmann: Grundsätzlich begrüße ich eine so selbstbewusste Herangehensweise an gesellschaftliche Veränderungen. Im Grunde waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer immer wieder gefordert, ihre Qualifikation auf den neuesten Stand zu bringen. Die Frage ist dann nur: Wie macht man das? Zurzeit gibt es zwei Diskussionsrichtungen. Die einen meinen, mit der stärkeren Vernetzung kommt es zur Höherqualifizierung. Andere befürchten, es wird eine Abqualifizierung für viele Beschäftigte geben. Ich denke, es passiert beides. Was auf keinen Fall passieren darf, ist, dass jemand komplett aus dem Produktionsprozess und damit aus dem Erwerbsleben und der gesellschaftlichen Beteiligung ausgeschlossen wird. Deshalb fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund, dass die Ausbildungsverordnungen darauf überprüft werden, ob neue Qualifikationen überhaupt Bestandteile der Ausbildung sind. Es darf niemand auf der Strecke bleiben, nur weil neue Entwicklungen in der Ausbildung und Qualifikation kein Thema sind.

Wie sind junge Leute auf das Berufsleben vorbereitet, wenn sie die Schule verlassen?

Rosemarie Hein: Das Problem ist, dass viele junge Leute ins Berufsleben entlassen werden, ohne genau zu wissen, was ihnen liegt, was sie für einen großen Teil ihres Lebens machen wollen. Da reichen die derzeitigen Angebote zur Berufsorientierung schlicht nicht aus. Wir brauchen eine Schule, die mehr Praxiserfahrung für junge Menschen ermöglicht. Es gibt solche Modelle, leider nur für Jugendliche, die bereits gestrauchelt sind oder die den Schulabschluss nicht schaffen. Bei ihnen sind solche Modelle erfolgreich. Das heißt, wenn wir die Schule für das Lebensumfeld öffnen und nicht einen auf Faktenwissen zentrierten Lehrplan abarbeiten, dann gibt es für junge Menschen eher die Chance zu wissen, was sie wollen und können.

Stimmt die Klage, viele der heutigen Schulabgänger seien nicht ausbildungsreif?

Hein: Diesen Vorwurf höre ich, seit ich in der Bildungspolitik arbeite. Aber was beschreibt er eigentlich? Es gibt im Übergangssystem – also dort, wo Jugendliche geparkt werden, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben – eine Viertelmillion Mädchen und Jungen. 75 Prozent, also drei von vier dieser Jugendlichen, haben einen gültigen Schulabschluss. Und dennoch wird ein großer Teil von ihnen als nicht ausbildungsreif bezeichnet. Da ist die Frage erlaubt: Hat die Wirtschaft falsche Erwartungen? Vielleicht ist es an der Zeit, dass in Unternehmen und Betrieben gesagt wird: Da kommen junge Leute, die wissen eine ganze Menge – und das, was sie im Beruf brauchen, wird ihnen hier beigebracht.
Krellmann: Wenn es um die Qualifizierung junger Leute geht, dann muss man wissen, dass nur 20 Prozent der Betriebe überhaupt ausbilden. 80 Prozent bilden nicht aus. Alle reden über Fachkräftemangel, aber die Anzahl der Unternehmen, die sich der Ausbildung wirklich stellen, ist nicht gestiegen. Es existieren Betriebe, die kümmern sich; andere warten tatenlos ab. Oder sie übergeben die Aufgabe der Ausbildung der öffentlichen Hand. Das ist ein Unding.

Reden wir über Weiterbildung von Frauen und Männern im Job: Die Anforderungen an Berufstätige steigen. Aber steigen auch die Chancen, sich entsprechend weiterqualifizieren zu können?

Krellmann: Das ist von Branche zu Branche unterschiedlich. In der Metall- und Elektroindustrie wurden jetzt tarifliche Bedingungen dafür auf den Weg gebracht: Beschäftigte sollen Anspruch auf Weiterbildungsmaßnahmen haben. Oftmals ist es aber so, dass es keine Weiterbildung gibt: Eine Person, die nicht mehr gebraucht wird, wird entweder im Betrieb abqualifiziert oder gleich entlassen, um jemand Neues einzustellen, der oder die diese höhere Qualifikation mitbringt. Wir sagen: Bildung ist mit dem Ende der Schule und der Ausbildung nicht erledigt. Weiterbildung muss auch darüber hinaus für all diejenigen möglich sein, die es möchten.

Hein: Das ist der Grund, warum wir ein Weiterbildungsgesetz fordern: Weiterbildung im derzeit ausgeübten Job. Dafür sind die Unternehmen zuständig, sowohl was die Freistellung als auch die Bezahlung angeht. Diese Form der Bildung muss aber auch dann möglich sein, wenn ich mich in meinem Leben beruflich umorientieren möchte. Auch dafür
muss es Angebote, einen Rechtsanspruch und Regelungen geben.

In der vergangenen Legislaturperiode hat DIE LINKE intensiv für eine Anti-Stress-Verordnung gestritten. Was ist daraus geworden?

Krellmann: Von der jetzigen Bundesregierung wurde das Thema nach hinten geschoben. Im Moment heißt es, das Ministerium für Arbeit und Soziales arbeite daran, sich stärker an den Begriff der psychischen Belastung heranzutasten, um ihn dann sachgerecht in einer Verordnung umzusetzen. Ich bin gespannt, was das Ministerium uns präsentieren wird. DIE LINKE hat keine Veranlassung, von der bisherigen Position abzuweichen: Wir wollen, dass eine Anti-Stress-Verordnung auf den Weg gebracht wird.

Aus welchen Gründen scheint die Bundesregierung dieses Problem aussitzen zu wollen?

Krellmann: Eigentlich müssten die Arbeitgeber Druck machen, denn psychische Belastungen verursachen inzwischen die meisten Kosten: für den Betrieb, für die Krankenkassen. Die Bundesregierung scheut sich vor klaren Regeln, auf die sich die Beschäftigten berufen können, zum Beispiel dem Anspruch auf freie Zeit, auf Arbeitszeitverkürzung oder von Teilzeit wieder auf Vollzeit wechseln zu können. Das wären wirksame Arbeitnehmerrechte. Doch diese scheuen die politisch Verantwortlichen wie Teufelszeug.

Rosemarie Hein ist bildungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE.
Jutta Krellmann ist gewerkschaftspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE.

Das Gespräch führte Gisela Zimmer.

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