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Nicht meins, aber unseres

erschienen in Clara, Ausgabe 24,

Faire Mieten und gute Nachbarschaft: Die Berliner Wohnungsgenossenschaft

Mollstraße e. G. ist noch jung und schon ein Erfolgsmodell.

Im Jahr 1995 war klar: Die vier großen Blöcke in der Mollstraße mit den Hausnummern 5 bis 18 werden privatisiert. Die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) wollte sich von insgesamt 248 Drei- bis Fünf-Zimmerwohnungen in unmittelbarer Nähe zum Alexanderplatz trennen.

Viele Bewohnerinnen und Bewohner lebten in den Häusern, seit es die gab. Sehr viele junge Familien waren 1963 als erste Mieter eingezogen. In manchen Aufgängen mit 16 Wohnungen gab es in diesen Anfangsjahren rund 40 Kinder. Die Väter und Mütter arbeiteten an der Werkbank, lehrten an der Universität oder waren Minister. Luxus waren die Wohnungen für jeden von ihnen. Aus Nachbarn wurden nach und nach Hausgemeinschaften, die bis heute gehalten haben. Die Kinder wurden erwachsen und zogen aus, manche kamen nach dem Tod der Eltern wieder zurück in die Wohnung ihrer Kindheit. Auch nach 1989 blieben die meisten Mieterinnen und Mieter, sie fühlten sich weiterhin wohl in der Mollstraße. Fast jeder kannte jeden. Deshalb ließ sich auch 1995 im Angesicht der drohenden Privatisierung ein kühner Gedanke denken: Wie wäre es, gründeten wir eine Genossenschaft und kauften unsere Wohnungen selbst, anstatt uns verkaufen zu lassen?

Die Wohnungsgenossenschaft Mollstraße e. G. entstand und übernahm im April 1997 von der WBM 248 Wohnungen mit einer Gesamtwohnfläche von 22 577 Quadratmetern. Jeder Quadratmeter kostete 700 DM und noch einmal rund 800 DM pro Quadratmeter Wohnfläche für die damals anstehende Sanierung.

Zum Zeitpunkt des Erwerbs der Häuser hatte die Genossenschaft 74 Mitglieder. Jedes Mitglied erwarb unabhängig vom Kaufpreis der Wohnungen für 5.000 DM Genossenschaftsanteile. Damit war eine gute Basis gelegt, es mussten aber noch viel mehr Genossenschaftsmitglieder werden, um die Instandhaltung und effiziente Bewirtschaftung der Häuser sicherzustellen. Sechzehn Jahre später sind es 238 Genossinnen und Genossen. Heute bemisst sich die Höhe der einzuzahlenden Anteile an der jeweiligen Ausstattung der Wohnung.

Demokratische Spielregeln, faire Mieten

Heute lässt sich auch sagen, dass das Nutzungsentgelt – Genossenschaftsmitglieder zahlen keine Mieten – für diese Wohnlage und die gute Ausstattung der Wohnungen mehr als günstig ist. Es liegt bei rund 5,35 Euro pro Quadratmeter, netto kalt. Für eine 120 Quadratmeter große Wohnung beträgt das Nutzungsentgelt rund 850 Euro monatlich (warm).

Über notwendige Erhöhungen des Nutzungsentgelts wird stets in der Mitgliederversammlung abgestimmt. Zu der kommen meist mehr als hundert Menschen. Anderswo informiert die Verwaltung per Brief und ohne Begründung, dass die Mieten steigen. Wenn aber in der Mollstraße eine Erhöhung der Entgelte ansteht, dann wird der Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern gesucht, wird ihnen in der Zeitschrift der Genossenschaft und in vielen Einzelgesprächen erklärt, warum die »Mieten« angehoben werden müssen. Wer will, bekommt genaue Auskunft über die finanzielle Situation der Genossenschaft. Und am Ende wird mit jedem und jeder Einzelnen eine Änderung des Dauernutzungsvertrages vereinbart.

Die Wohnungsgenossenschaft in der Mollstraße ist ein Beispiel, wie transparentes und demokratisches Zusammenleben funktionieren kann. Der Vorstand muss gegenüber den Mitgliedern jedes Jahr Rechenschaft über die Bewirtschaftung der Wohnungen ablegen. In der Mollgenossenschaft arbeiten Aufsichtsrat und Vorstand seit jeher ehrenamtlich. Die Verwaltungskosten liegen weit unter dem bundesweiten Durchschnitt. Die Verwaltung handelt trotzdem schnell, unbürokratisch und sozial. Das heißt zum Beispiel: Mit Mitgliedern, die in eine persönliche Notlage geraten, wird gemeinsam nach Lösungen gesucht: sozial verträgliche Zahlungsvereinbarungen für den Abbau von Mietschulden, Beratungsangebote, Gespräche. Wer plötzlich allein in einer zu großen Wohnung lebt, kann auf die Hilfe der Verwaltung bauen, innerhalb der Genossenschaft die Wohnung tauschen zu können. Und wer einfach aus dem Wohnzimmer eine Küche und aus der Küche ein Bad machen möchte, kann dies tun. So sind in der alten Platte inzwischen eine Menge kreativer Wohnformen entstanden.

Engagement wird großgeschrieben

Aber auch sonst ist das ehrenamtliche Engagement groß. Pflege der Internetseite, blühende und gepflegte Vorgärten, kleine Reparaturen beim Nachbarn – das alles läuft übers Ehrenamt, und die Menschen wissen es zu schätzen. Vor einigen Jahren wurde die Volkssolidarität Genossenschaftsmitglied und zog mit einem Nachbarschaftstreff in eine Genossenschaftswohnung. Ein neuer Begegnungsort entstand. Manchmal treffen sich Nachbarn dort zum Skat oder feiern in den Räumen Geburtstag.

Irgendwann ist aus den jährlichen Subbotniks der Frühjahres- und der Herbstputz geworden. An solchen Tagen kommen weit mehr als hundert Leute und pflegen die Anlagen. Es sind ihre Anlagen und ihre Häuser. Sie machen sich was draus, und bei der Tombola gewinnt jedes Los. Die Mollgenossenschaft ist eine Erfolgsgeschichte. Ringsum steigen in der Berliner Innenstadt die Mieten, findet Verdrängung statt, wird privatisiert. Kein Wunder, dass es in der Genossenschaft keinen Leerstand, stattdessen Wartelisten gibt.

Inzwischen lässt sich an den Klingelschildern ablesen, wie viel sich verändert hat und wie viel geblieben ist. Noch immer wohnen eine ganze Reihe Menschen hier, die 1963 eingezogen sind. Aber man kann mit dem Finger auch eine kleine Namensweltreise machen.

Hannah Hoffmann

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