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Neue Energien für die Prignitz

erschienen in Clara, Ausgabe 2,

Neue Strategien für den ländlichen Raum

Die Kulisse konnte nicht eindrucksvoller gewählt werden - eine Windhose hatte im Herbst des vergangenen Jahres Teile des Damelacker Waldes in der Prignitz ›flachgelegt‹. Kahlschlag auf der ganzen Linie und mittendrin Kirsten Tackmann, agrarpolitische Sprecherin der Fraktion. Dies ist ›ihr‹ Wahlkreis. Sie lebt in einem kleinen Dorf rund 60 km vom Ort der Zerstörung entfernt. Sie kennt also die schwierigen Lebensverhältnisse und die bleierne Lethargie, die wie ein Damoklesschwert über großen Teilen des Brandenburger Landes schwebt.

»Wir können als Linke nicht zusehen, wie Dörfer allmählich sterben, wir müssen den Menschen, die hier leben wollen, Alternativen bieten und Hoffnung geben«, sagt Kirsten Tackmann fest entschlossen. Zwei Schwerpunkte stehen für diesen Arbeitstag als Beispiele für Chancen und Schwierigkeiten in diesem Wahlkreis an: sozialökologische Konzepte zur Waldbewirtschaftung und die beabsichtigte Schließung der Gesamtschule in Karstädt. Was theoretisch klingt und auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hat, verdeutlicht auf den zweiten die Problemlage im ländlichen Brandenburg. Über 64000 Brandenburgerinnen und Brandenburger haben seit 2001 die Region verlassen. Vor allem junge gut ausgebildete Frauen kommen nicht_zurück. Die viel zitierte demografische Katastrophe ist nicht ferne Zukunft. Sie ist heute schon sichtbar - Beispiel Schönhagen, 15 km von Perleberg entfernt.

»Unsere Dörfer können sie bald alle wegschieben.«

Ortstermin mit der Bundestagsabgeordneten in der guten Stube von Eckhard Sandberg in Schönhagen. Dazu eingeladen waren auch Enno Rosenthal, Vorsitzender des Waldbauernverbandes Brandenburg und Forstinspektor Stefan Koepp vom Amt für Forstwirtschaft Kyritz.

»Unsere Dörfer können sie alle bald wegschieben, hier gibt’s nichts mehr, keinen Fleischer, Bäcker, Arzt, keine Schule, Apotheke, Kneipe, Post und am allerschlimmsten - hier gibt es keine Arbeitsplätze«, schimpft Sandberg. Der 69-jährige ist Waldbesitzer und ehrenamtlich Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Damelacker Wald. Die FBG gehört dem Brandenburger Waldbauernverband an, der eine Fläche von insgesamt 10000 Hektar bewirtschaftet. Die ungeahnte Holznachfrage könnte eine neue Chance für die Region sein. Schon sah man Waldbesitzer als die neuen Ölbarone. Doch die Situation für die Privatwaldbesitzer in Brandenburg ist kompliziert. Hohe finanzielle Belastungen (Versicherungen, Beiträge für Boden- und Wassergebühren, öffentliche Abgaben) und zu geringe Erträge führten nicht zum notwendigen wirtschaftlichen Erfolg.

Eine Frage stellt sich für alle ländlichen Problemzonen: Wie können nachhaltig existenzfähige regionale Wirtschaftsstrukturen entwickelt werden, wenn gleichzeitig EU, Bund und Land Fördermittel für den ländlichen Raum und zum Beispiel_Agrarumweltmaßnahmen streichen? Trotzdem liegt ein großes Potenzial vor ihrer Haustür - Holz auf 350000 ha in Brandenburg. Der Zugriff auf Bioressourcen und Flächenreserven bekommt immer mehr strategische Bedeutung für die Entwicklung ländlicher Räume.

»Die Entwicklung ländlicher Räume braucht regionales Management.«

Enno Rosenthal vom Waldbauernverband Brandenburg bringt es auf den Punkt: Ländliche Entwicklung braucht regionales Management, das alle Akteure vor Ort koordiniert, Konzepte plant und umsetzt. »Statt in Brandenburg - wie geplant - massenhaft Förster zu entlassen, sollten sie umgesetzt werden in die Wälder der kleinen Waldbesitzer. Die brauchen diese fachliche Unterstützung, müssen die Förster aber auch bezahlen können.« Mit dieser Idee stößt er an die Grenzen der Verwaltungshoheit der Landesämter für Forstwirtschaft. Die Begründung, Haushaltseinsparungen würden erfordern, in diesem Jahr die Anzahl der Förster von bisher 3000 auf 1000 zu reduzieren, stößt auch bei Forstinspektor Stefan Koepp auf Protest. Dennoch sieht er die Zukunft seiner Kollegen nicht in privaten Wäldern. Förster müssten weiter hoheitliche Aufgaben in den Wäldern erfüllen. Sie trügen sowohl für das Kulturgut Wald Verantwortung als auch für Bildung heranwachsender Generationen. Kinder müssten erfahren und erleben, wie Naturkreisläufe funktionieren. Es wird deutlich: Ein regionales Management ist nicht ohne Konflikte zu haben.

»Eine Prignitzer Regionalmarke vom Holz zur Gartenbank bis zur Wurst.«

Die Forstwirtschaft bietet trotzdem gute Chancen für die Prignitz und in ganz Brandenburg, wenn regionale Netzwerke geschaffen werden. Holz selbst bietet die Basis für eine erfolgreiche regionale Wertschöpfungskette. Durch die Bündelung des Rohholzangebotes können höhere Preise bei der Holzernte und beim Holzverkauf erwirtschaftet werden.

Noch besser wäre es, wenn Regionalmarken kreiert würden, wie sie sich in anderen Bundesländern bereits etabliert haben. Das ist das Ziel: vom Rohholz aus Brandenburger Wäldern bis zur Gartenbank und zum Holzspielzeug. Unter dem gleichen Regionallabel sollten auch Bäuerinnen und Bauern Wurst und Milchprodukte vermarkten. Die Linksfraktion hat weitere Vorschläge. So sollen Fördermittel nicht an Projekte gebunden, sondern in Regionalfonds zusammengeführt werden. Alle Akteure vor Ort müssen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

»Die Förderphilosophie muss weg von einer Alimentierung hin zur strukturpolitischen Verwendung der Gelder, um Existenz sichernde Arbeitsplätze zu schaffen«, unterstreicht Kirsten Tackmann. Nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume erfordert auch Konzepte zur Nachfolgesicherung. Was passiert, wenn Waldbesitzer Eckhard Sandberg in wenigen Jahren nicht mehr für seinen Wald sorgen kann? In Schönhagen gibt es keine jungen Leute mehr. Sein 17-jähriger Enkel hatte Glück, eine Lehrstelle als Vermessungstechniker in Perleberg zu ergattern. Nach der Lehre will er auswandern, weil er hier keine Chance auf einen Job hat.

Menschen gehen immer mehr in die »Emigration«. Das war im Osten schon einmal so. Kirsten Tackmann sieht einen Grundfehler darin, dass sich die Bewohner auch jetzt wieder immer weniger in politische Entscheidungen einbezogen fühlen.

»Schule hat keine Lobby.«

Das erleben gerade auch die Mädchen und Jungen der Realschule Karstädt, die zum übernächsten Schuljahr geschlossen werden soll. Sie haben heute Kirsten Tackmann eingeladen. Drei Schülerinnen, Eltern- und Gemeindevertreter und Direktor Axel Knuth machen ihrem Ärger Luft. Die Gründe, die das Kreisschulamt Prignitz für die Schließung anführt, sind fadenscheinig. Trotz ausreichender Schülerzahlen, gegen Eltern - und Lehrerwillen, wird über den Kopf der Betroffenen hinweg entschieden. Muss die Schule in Karstädt geschlossen werden, um drei Schulzentren in den Städten Perleberg, Wittenberge und Pritzwalk zu sichern? Für die Kinder und Jugendlichen aus Karstädt und Umgebung würde das eine deutliche Verschlechterung bedeuten: eine Stunde längere Fahrzeiten für den Schulweg, größere Klassenstärken und weniger Zeit für Arbeitsgemeinschaften oder Training am Nachmittag. Verluste bringt die Schulschließung auch für die Gemeinde Karstädt. Dort gibt es eine exzellente Sportanlage mit Tartanbahn und Schwimmhalle, die erst vor einigen Jahren erbaut wurde. Es liegt auf der Hand, dass die Anlage bald nicht mehr ausgelastet ist. Um die gute Zusammenarbeit zwischen Schule und Gemeinde Karstädt würde sie so mancher in Brandenburg beneiden, sagt Direktor Axel Knuth. Er verweist stolz auf viele sportliche Erfolge, die seine SchülerInnen im Wettbewerb ›Jugend trainiert für Olympia‹ errungen hätten. Jetzt sehen die Trainer von Hertha Karstädt wegen der Schließung der Schule schwarz für ihre jungen Sportler. Wenn künftig die Schüler morgens um sechs das Haus verließen und nachmittags gegen 16 Uhr nach Hause kämen, müssten sie erst Hausaufgaben erledigen. Welches Kind kann dann noch zum Training kommen oder an einer anderen AG teilnehmen?

»Ich wünsche mir, dass durch Vernunft eine Lobby entsteht.«

»Es wurde nie die Frage gestellt: Wie können wir die Schule erhalten? Der Schulverwaltung ging es nur um weitere Schließung eines Schulstandorts. Schule im ländlichen Raum hat keine Lobby«, kritisiert Direktor Knuth.

Die Karstädter Schüler erleben gerade, wie Politik ›funktioniert‹. Was bleibt, ist Politik-verdruss. Kirsten Tackmann ermuntert dennoch die Schülerinnen, nicht aufzugeben. Aus eigenem Erleben erzählt sie, dass das Institut für Tierseuchenbekämpfung, in dem sie gearbeitet hat, seit 1996 von Schließung bedroht ist. Es besteht noch immer. »Wir leben leider in einer Lobbykratie. Geben wir gemeinsam der Vernunft eine Lobby!«

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