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Mitten im Leben

erschienen in Lotta, Ausgabe 8,

Nicos Farm ist ein kleiner Verein, der Großes will: Ein Wohnprojekt für Eltern mit behinderten Kindern und für Menschen, die Angehörige pflegen. Gemeinsam wohnen, gemeinsam leben, sich gegenseitig stützen und mittendrin im Alltag aller anderen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nicos Farm ist noch jung. Im Jahr 2009 in Hamburg gegründet, schauen der kleine Verein und seine Unterstützer – zu denen auch der Barde Konstantin Wecker zählt - auf gerade mal fünf Jahre zurück. Die Idee, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der Eltern mit ihren behinderten Kindern unter einem Dach leben und sich gegenseitig helfen, hatte Arnold Schnittger. „Ich hab das für Nico gemacht“, sagt er. Nico ist sein Sohn, mittlerweile 20 Jahre alt und seit seiner Geburt behindert. Für ihn gab Arnold Schnittger den Beruf, „aber nicht das Leben“ auf. „Nico gibt so viel zurück“, erzählt der ehemalige Fotograf, „so viel Wärme, so viel Lachen.“ Diese Lebensfreude inmitten von Nichtbehinderten und außerhalb von Heimen soll bleiben, auch wenn der jetzt 63-jährige Vater sich eines Tages nicht mehr um den Sohn kümmern kann. Darum die Idee von einem gemeinsamen Haus für Kinder mit Handicaps, dazu die Eltern, behindertengerechte Wohnungen, ein WG-Haus für junge Erwachsene mit Beeinträchtigungen und Begegnungsmöglichkeiten mit den Nachbarn ohne Behinderung.Viele Anläufe gab es für Nicos Farm, genauso viele Ablehnungen. Bis vor Kurzem. An einem dieser spätsommerlichen Tage im diesjährigen Oktober schiebt und zieht Arnold Schnittger freudig aufgeregt Nicos Rollstuhl über eine weitläufige, grüne Fläche. „Das wird Nicos Farm“, strahlt er. Zu sehen ist noch nicht wirklich viel auf diesem Areal in Amelinghausen, einer Samtgemeinde mit fünf Mitgliedsgemeinden und rund 8.400 Einwohnern, eine knappe Autostunde von Hamburg entfernt. Und doch ist das Wichtigste geschafft: Das Grundstück ist für das Projekt da. Direkt am Steinzeitpark, dahinter der glasklare Lopausee. Schöne Lage, Geschäfte, Kneipen, Kirche, Rathaus – alles gleich um die Ecke. In Hamburg wollte niemand in direkter Nachbarschaft so ein Inklusionsprojekt. Helmut Völker, der Bürgermeister von Amelinghausen schon. Die beiden Männer, Völker und Schnittger, lernten sich vor gut einem Jahr kennen. Der eine will Neues bieten in seinem Ort mitten in der Heide, zum Bleiben und Verweilen einladen. Und der andere hat mit seinem Verein längst Ideen für ein Miteinander ausprobiert, Leute zusammengebracht und konkrete Vorschläge in der Tasche.

 

Die werden am selben schönen Oktobertag in Grätsch’s Gasthaus, dem ältesten in Amelinghausen, auf dem „Markt der Möglichkeiten“ präsentiert. Zusammen mit anderen Partnern, die ein Miteinander im Alltag und in der Gesellschaft fördern wollen. Abends rockt es dann im Saal, es findet ein erstes Benefizkonzert für Nicos Farm statt. Die Einnahmen fließen ausschließlich in das Wohnprojekt. Geplant sind 45 Wohnungen, verteilt auf mehrere Häuser, alle barrierefrei, alle mit Balkon. Einziehen können Eltern, die in ihrer Familie ein behindertes Kind haben. Egal, ob alleinerziehend oder als Paar. Willkommen sind auch – und das ist Arnold Schnittger besonders wichtig – Menschen, die jemanden zu Hause pflegen. Seine jahrelange Erfahrung sagt: „Familien, Eltern, die sich besonders kümmern müssen, stehen häufig allein mit ihren Problemen da. Im Miteinander geht manches besser, fröhlicher und freundlicher.“ Darum gehörten zum Projekt auch ein Haus mit Café, ein Restaurant, Praxen für Therapien, eine Wäscherei.

Träumereien? Vielleicht. Aber sie sind so greifbar nahe. Für Nico, seinen Vater und für die vielen Unterstützer. Nicos Farm ist entworfen, der Ort gefunden, auch eine Bank, die fair verhandelt. Baubeginn für Nicos Farm, so der Wunsch, solle bereits nächstes Jahr sein. Aber schon jetzt ist jede und jeder willkommen, der so etwas wie Nicos Farm schon lange suchte, bislang aber nie fand.

 

Mehr unter www.nicosfarm.de

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