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Mit Tempo vorwärts in den Alltag

erschienen in Clara, Ausgabe 43,

Anfang Februar in der Sochos-Sporthalle im Berliner Stadtteil Steglitz, in der rund 250 Flüchtlinge bis zu eineinhalb Jahre lang leben mussten: Metallgerüste leerer Betten zeugen noch vom Alltag der Flüchtlinge mit starker Einschränkung ihrer Privatsphäre. Hier ein aufgestapelter Berg von Matratzen, da ein anderer mit Resten von Stühlen, kleinen Schränken, Lampen oder Schaukelpferden. Die Flüchtlinge ziehen seit Wochen innerhalb Berlins um: von Massenunterkünften in Sporthallen in neu errichtete modulare Unterkünfte oder in Wohnungen.

Sechzig Sporthallen waren vormals in der Hauptstadt mit Flüchtlingen belegt worden. Nun sollen bis zum Frühjahr alle für die Sanierung und eigentliche Verwendung vorbereitet werden. „Wir werden sehen, wie schnell wir die Halle wieder nutzen können. Auch wenn noch einige Sanierungsarbeiten laufen, kann der Schul- und Trainingsbetrieb vielleicht bald wieder beginnen“, sagte Klaus Sonnenschein, Leiter des Schul- und Sportamts in Steglitz-Zehlendorf, bei einer Begehung der Sochos-Sporthalle dem Regionalfernsehen.

Bereits im Dezember, wenige Tage nach dem Start der neuen Berliner Landesregierung aus SPD, DIE LINKE und Grünen, wurde eines der ersten Wahlversprechen eingelöst: Flüchtlinge, die monatelang in Sporthallen zusammengepfercht hausen mussten, durften in andere Unterkünfte umziehen. Noch im alten Jahr profitierten rund 850 Flüchtlinge von dieser Entscheidung. Zehn Sporthallen können nach einer gründlichen Renovierung bald wieder von Schulklassen und Breitensportlerinnen und -sportlern genutzt werden.

„Wir mussten eine Notlage beenden“

Ende Januar hat die Senatorin für Arbeit und Soziales, Elke Breitenbach (DIE LINKE), die erste modulare Unterkunft für Flüchtlinge in Berlin-Marzahn eröffnet. „Wir mussten eine Notlage beenden und konnten nicht länger tatenlos zuschauen“, sagte sie. Neun weitere dieser in standardisierter Bauweise errichteten Gebäude für insgesamt 4 000 Flüchtlinge sind geplant und großenteils fast bezugsfertig. Insgesamt stellt das Land Berlin für den Bau dieser Unterkünfte rund 200 Millionen Euro bereit. Die Unterkünfte können später flexibel nachgenutzt werden, als Studentenwohnheime, Mehrfamilienhäuser oder Seniorenresidenzen.

Mit der geriffelten grauen Fassade fügen sich die beiden aus 750 Betonplatten zusammensetzten Gebäude in die Marzahner Umgebung ein. Die Wohngebäude, getrennt durch einen breiten Hof, bestehen aus jeweils drei Einheiten mit separaten Eingängen. Im Erdgeschoss befinden sich Wohnungen für Familien, spartanisch eingerichtet mit Linoleumböden, metallenen Bettgestellen und Regalen aus Pressholz an den Wänden. Die Stockwerke darüber bieten Platz für Wohngemeinschaften von bis zu 15 Personen. Dort wohnen Flüchtlinge zumeist in Doppelzimmern, Küchen und Bäder teilen sie sich. Komplettiert wird das Ensemble durch ein kleineres Verwaltungsgebäude, in dem die Beschäftigten des Betreibers und Sicherheitsdienstes arbeiten werden. 

Landessportbund ist optimistisch

In die Unterkunft in Berlin-Marzahn ziehen rund 350 Flüchtlinge ein, die bisher in fünf Turnhallen im Stadtteil Steglitz-Zehlendorf aushielten. Vierzig Prozent von ihnen sind Familien, rund 60 Prozent Alleinreisende, die meisten von ihnen Männer. Für die Flüchtlinge seien die neuen Unterkünfte „eine großartige Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse und ein Schritt Richtung Selbstständigkeit“, sagte Senatorin Breitenbach. „Für viele Berlinerinnen und Berliner normalisiert sich mit der Nutzung der Sporthallen der Alltag mehr und mehr.“ Bis Ende März sollen die Flüchtlinge aus allen Berliner Sporthallen ausgezogen sein. Sobald alle Turnhallen leer seien, würden auch die Flüchtlinge aus den Hangars am ehemaligen Flughafen Tempelhof und im Kongresszentrum ICC ausziehen und anderweitig einquartiert, kündigte die Senatorin an.

Im Landessportbund (LSB) Berlin beobachtet man die Szenerie wohlwollend und erleichtert. „Es ging bisher alles eher schleppend. Nun ist Tempo in die Sache gekommen“, sagt der Direktor des LSB Berlin, Heiner Brandi. Man hoffe darauf, dass sich Finanzierungsprobleme bei der Sanierung der Hallen zwischen dem Immobilienmanagement und den Bezirken nicht auf den Zeitplan der Umzüge auswirken. Dafür sei der „Feuerwehrfonds“, eine schnelle Kasse für vorerst strittige Entscheidungen, hilfreich. Wenn etwa eine Waschbeckenarmatur oder Toilette verschlissen ist und die Frage nach den Verursachern ungeklärt bleibt, kann mit der schnellen Bezahlung sofort saniert werden. „Wir legen allerdings auch Wert darauf, dass die zügige Erledigung des Themas Sporthallen als einstige Flüchtlingsunterkünfte und ihre weitere Nutzung keine Provisorien zur Folge hat“, tritt der LSB-Direktor auf die Euphoriebremse. Andererseits gehe er optimistisch davon aus, dass mit dem Beginn des neuen Schuljahrs im Herbst dieses Jahres alle Turnhallen Berlins wieder in vollem Umfang für Schulen und den Sport zur Verfügung stehen.

Wie groß die Bedeutung dieses Umzugs für die Flüchtlinge ist, bestätigte Walid Oumairat. Er arbeitet als Integrationslotse für den Berliner Senat. „Anders als in den Sporthallen, werden die Familien ein wenig Privatsphäre haben und etwas mehr Ruhe als bisher“, sagt er. Die Kinder können am Schreibtisch Schulaufgaben machen, die Familie kann zusammen kochen und essen.

Noch flattert im Hof der modularen Unterkunft für Flüchtlinge in Berlin-Marzahn ein rot-weißes Absperrband im eisigen Winterwind, dahinter lagern Paletten mit Pflastersteinen, türmen sich Sandberge. Sobald es die Temperaturen zulassen, soll der Hof begrünt werden; auch ein Kinderspielplatz und ein Bolzplatz sind geplant. 

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