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Mit links gelesen

erschienen in Clara, Ausgabe 17,

Aktuelle Buchbesprechungen

Janne Teller: Nichts – Was im Leben wichtig ist.


C. Hanser Verlag, 144 Seiten, 12,90 Euro


»Nichts bedeutet irgendetwas. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun«, behauptet forsch ein Siebtklässler. Seine Mitschüler wollen ihm das Gegenteil beweisen und tragen das, was für sie wichtig ist, zu einem großen Berg zusammen. Doch bald kippt die Stimmung und das Experiment gerät außer Kontrolle. Wie gemein und grausam diese Suche verläuft, schildert die Dänin Janne Teller aus dem Blickwinkel einer Schülerin. Sie zeichnet das Bild einer sinnentleerten Gesellschaft, die ihren Kindern Vorbilder und Ziele schuldig bleibt. Diese Parabel provoziert und lässt bis zum bitteren Ende nicht los.

Christa Wolf: Stadt der Engel.
Suhrkamp Verlag 416 Seiten, 24,80 Euro


Was im Leben wichtig ist, beschäftigt auch die Erzählerin im neuen Roman
von Christa Wolf. Anfang der 1990er Jahre reist sie für mehrere Monate nach Los Angeles, um die Geschichte einer Emigrantin zu recherchieren. Doch ihre eigene Vergangenheit holt sie ein, als ihre Stasi-Akte entdeckt wird. Fern der Heimat beginnt sie, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und ihren Lebensweg zu hinterfragen. Weshalb sie in der DDR blieb, welchen Sinn die Auseinandersetzungen mit der Partei hatten, wie realistisch die Vision vom sozialistischen deutschen Staat war. Immer wieder kehrt sie zur Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz zurück: »Es war das Unvorstellbare, das sich in Wirklichkeit verwandeln wollte. Und das, ihr ahnt es, nur eine historische Sekunde andauern sollte. Aber es hat es gegeben.« Christa Wolf schrieb den wichtigsten Roman dieses Herbstes.


Jonathan Safran Foer: Tiere essen.
Kiepenheuer& Witsch 400 Seiten, 19,95 Euro


Haben Sie sich schon gefragt, weshalb der Nachschub für das Kühlregal im Supermarkt nie endet? Woher das viele Fleisch stammt, das luftdicht verpackt und in Scheiben geschnitten auf den Verzehr wartet? Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer wollte es nach der Geburt seines Sohnes ganz genau wissen. Wenn Sie sein Buch gelesen haben, möchten Sie vielleicht weiterhin Tiere essen, aber Sie werden dabei sehr nachdenklich schauen. Denn er beschäftigt sich intensiv mit der tierischen Intelligenz – weshalb lassen wir Hunde ins Haus, kluge Schweine aber nicht? – und listet penibel nackte Tatsachen über die Massentierhaltung und ihre Folgen für die Umwelt auf: Die Fläche, auf der ein Huhn in einer Legebatterie »lebt«, ist kleiner als ein A4-Blatt, die Nutztierhaltung verursacht laut UNO 18 Prozent der Treibhausgasemissionen. Foer lässt Farmer, Schlachter und Tierschutzaktivisten zu Wort kommen. Er argumentiert gründlich, und seiner Logik kann man sich nur schwer entziehen.

Hermann Scheer: Der energethische Imperativ.


Kunstmann, 240 Seiten, 19,90 Euro


Der SPD-Energieexperte Hermann Scheer erläutert präzise, wie der vollständige Wechsel zur erneuerbaren Energie gerade jetzt gelingen könnte. Beispielsweise müssten die Kartelle der Stromkonzerne gebrochen und ihnen die Netz-hoheit entzogen werden, denn die Energie-
quelle entscheidet über Technologie und Wirtschaftsstruktur. So sieht er die Zukunft der Versorgung »individuell, lokal, regional in jeweils kleineren bis größeren Maßstäben«. Zudem fordert er internationale Investitionen in erneuerbare Energien und den globalen Atomausstieg. Scheer liefert eine Fülle von Argumenten für eine der spannendsten Debatten der Zukunft.

Andrew Ross Sorkin: Die Unfehlbaren. Wie Banker und Politiker nach der Lehman-Pleite darum kämpften, das Finanzsystem zu retten – und sich selbst.


DVA Sachbuch  614 Seiten,  24,99 Euro


»Zu groß zum Scheitern« stuften die unfehlbaren Chefs der wichtigsten Wallstreetbanken im September 2008 ihre Institute ein. Deshalb spielten manche von ihnen auch dann noch »Alles oder Nichts«, als das System bereits ins Trudeln geriet. Mit Leerverkäufen trieben sie sich gegenseitig fast in die Insolvenz, Analysten heizten die Jagd auf angeschlagene Banken wie Lehman zusätzlich an. Andrew Ross Sorkin sprach mit rund 200 Beteiligten der Finanzkrise und zeichnet die dramatischen Wochen genau nach. Sein lesenswerter Bericht macht deutlich, weshalb die Branche dringend reguliert werden muss. Das Vergütungssystem der Banker basiert auf hohen Boni, diese werden nur spekulativ realisiert. Allein dafür wurden riskante Produkte entwickelt und unters Volk gebracht.

Thomas Schuler: Bertelsmannrepublik Deutschland.


Campus Verlag, 304 Seiten, 24,90 Euro


Ob Arbeitsmarkt, Bildungssystem oder kommunaler Sektor – wenn in Deutschland reformiert werden muss, kümmert sich die Bertelsmann AG in Gütersloh gern darum. Auch Gerhard Schröder ließ dort arbeiten. Herausgekommen sind unter anderem Hartz IV, Studiengebühren und privatisierte Verwaltungen. Doch wie finanziert sich die einflussreiche konservative Denkfabrik, welche Ziele verfolgt sie? Fragwürdig ist auch, wie mit dem Steuersparmodell Stiftung erfolgreich eigene Unternehmensinteressen verfolgt werden. Antworten liefert Thomas Schuler, wenn er die Verflechtungen des Medienkonzerns mit der Politik analysiert. Nach Lektüre dieses Buches steht fest: Deutschland ist keine Bananen-, sondern die Bertelsmannrepublik.

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