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Mit Geigen gegen Gewehre

erschienen in Clara, Ausgabe 25,

Mit klassischer Musik protestieren mehrere hundert Menschen vor den Toren der Waffenfabrik Heckler & Koch gegen die Produktion von Rüstungsgütern.

Für gewöhnlich beginnt um 5 Uhr bei Heckler & Koch in Oberndorf am Neckar die Produktion von Gewehren. Doch an diesem Morgen ist alles anders. Statt mit offenen Toren werden die Arbeiter der Waffenfabrik am 3. September 2012 mit klassischer Musik empfangen. 100 Musikerinnen und Musiker mit Geigen, Cellos und Querflöten blockieren die Werkstore. Sie spielen Händels Arie »Waffenhandwerk schafft nur Unheil«.

Eine von ihnen ist Pheli Sommer. Die 23-jährige Ethnologie-Studentin spielt Klarinette. Sie ist hierhergekommen, weil sie mit klassischer Musik und zivilem Ungehorsam gegen die Waffenproduktion in Deutschland protestieren will. Denn Maschinenpistolen und Sturmgewehre, wie sie bei Heckler & Koch produziert werden, sind laut UN-Bericht die größte Massenvernichtungswaffe der Welt. Alle 14 Minuten stirbt weltweit ein Mensch durch eine Kugel aus einer Waffe von Heckler & Koch.

Vor vier Tagen lernte Pheli Sommer bei einer Gartenfeier in Leipzig die Musiker der Chor- und Orchester-Gruppe »Lebenslaute« kennen. Die gebürtige Münchnerin war sofort begeistert von der Idee, friedlich und mit Musik gegen die Waffenherstellung zu demonstrieren. In den Wochen zuvor hatte sie zusammen mit arabischen Freunden mehrfach gegen die Diktatur in Syrien demonstriert. Irgendwann begann sie sich zu fragen, was es bringe, gegen Kriege und Diktaturen zu protestieren, solange deutsche Rüstungsunternehmen davon profitieren, dass sie Herrscher und Unterdrückte mit Gewehren und Munition aufrüsten.

Jetzt ist sie hier, in einem kleinen Ort in Baden-Württemberg. Hinter ihr die Waffenfabrik, vor ihr fünf Polizeiwagen und die Angestellten von Heckler & Koch. Ein Werksleiter ruft ihr zu, dass sie gestern beim Vorkonzert in der Markuskirche in Villingen besser gespielt hätten. Offensichtlich hat sich der Konzern auf die Musikblockade eingestellt. Die Angestellten werden vom Werkschutz davon abgehalten, mit den Musikerinnen und Musikern zu sprechen. Nach einer halben Stunde Konzert durchbrechen Werkschützer die Blockade.

Das Orchester bleibt trotzdem vor dem Haupttor und spielt weiter. Um 10 Uhr gesellen sich 300 Friedensaktivisten dazu. An den Zäunen hängen Transparente, es wehen Fahnen der Deutschen Friedensgesellschaft. Die Musiker unterbrechen ihr Konzert immer wieder für politische Reden. Ein Redner ruft die Beschäftigten der Waffenfabrik auf, ihre Arbeit für 14 Minuten in Gedenken an die vielen Erschossenen zu unterbrechen.

Mit Zylinder und Frack

Ein anderer Redner hat sich mit schwarzem Zylinder und Frack und einer schwarz-rot-goldenen Schärpe als Beauftragter der Bundesregierung verkleidet. Es ist Peter Grottian, ein 70-jähriger Politikprofessor aus Berlin. Im Namen der Bundeskanzlerin gibt er bekannt, dass die Waffenlieferungen unterbrochen würden, auch über einen Stopp der Waffenproduktion werde nachgedacht. »Menschenrechte und Rüstungsexporte passen nicht zusammen«, ruft er. Mit seinem Schauspiel lässt Grottian das Wünschenswerte realistisch erscheinen.

Die Musiker haben am heutigen Tag mit ihrer Blockade zumindest erreicht, dass in der Frühschicht bei Heckler & Koch weniger Waffen produziert werden konnten als sonst. Und Pheli Sommer hofft weiterhin darauf, dass hier in Oberndorf eine Wende stattfindet und in der Fabrik statt Waffen in Zukunft zivile Güter produziert werden.

Statt Präzisionsgewehre und Maschinenpistolen könnten die hochqualifizierten Angestellten von Heckler & Koch Solarzellen und Windräder für die Energiewende anfertigen. Bislang steht am Eingangstor jedoch nur ein kleines Schild, das damit wirbt, dass auf dem Gelände Photovoltaik-Zellen zur Energiegewinnung genutzt werden.

 

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