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Millionen Frauen in der Rentenfalle

erschienen in Klar, Ausgabe 29,

Immer mehr Frauen bekommen eine Armutsrente. Die Regierung hat das Problem lange verschwiegen. Eine Anfrage der Fraktion DIE LINKE hat das Desaster nun aufgedeckt

Diese Zahlen machen Millionen arbeitenden Frauen in Deutschland Angst: Zwei von drei Frauen, die im Jahr 2011 in Rente gegangen sind, bekommen weniger als 707 Euro. Damit liegen sie unter der Grundsicherung. Das heißt im Klartext: Sie sind Hartz-IV-Fälle im Alter.
Auch eine andere Zahl ist beängstigend: 83,9 Prozent der aktuellen Rentnerinnen bekommen weniger als 850 Euro Rente. Das sind mehr als 8,3 Millionen Rentnerinnen.

Diese Zahlen, die die Fraktion DIE LINKE der Bundesregierung mit einer Großen Anfrage im Bundestag endlich entlockte, machen aber noch ein anderes Dilemma deutlich: Frauen, die sich vor zwei Jahren zur Ruhe gesetzt haben, erhalten im Durchschnitt 40 Prozent weniger Rente, als Männer bekommen. Schaut man sich alle Rentnerinnen und Rentner an, ergibt sich folgende dramatische Verteilung. Frauen beziehen im Durchschnitt eine gesetzliche Rente von nur 541 Euro, Männer erhalten 1000 Euro im Monat.

Was solche Zahlen für das reale Leben bedeuten, weiß die Rentnerin Karin Schäfer aus Blankenfelde. Sie ist 70 Jahre alt, hat drei Kinder großgezogen und mehr als drei Jahrzehnte lang als Verkäuferin und Kassiererin gearbeitet. Heute erhält sie aus der gesetzlichen Rente 599 Euro im Monat. „Das reicht vorne und hinten nicht“, sagt sie. Um über die Runden zu kommen, putzt sie an vier Tagen pro Woche die Wohnungen fremder Leute. Wegen ihrer niedrigen Rente könnte sie Grundsicherung beantragen. Doch Karin Schäfer verzichtet darauf, weil sie das als Almosen empfindet. „Ich muss mein ganzes Leben lang weiterarbeiten“, sagt sie. Doch wovon sie leben soll, wenn das eines Tages nicht mehr möglich ist, weiß sie auch nicht.

Die Regierung lässt Frauen wie Karin Schäfer im Stich. Die geplante sogenannte Lebensleistungsrente hilft ihnen nicht. Die Regierung will diese nur jenen Frauen zahlen, die mindestens 40 Beitragsjahre nachweisen können. Im bundesweiten Durchschnitt haben Frauen aber nur knapp 30 Versicherungsjahre vorzuweisen.

Ohne fundamentale Änderungen in der Rente wird die Altersarmut rasant weiterwachsen. Und sie ist politisch gewollt: Alle Regierungen des letzten Jahrzehnts haben das Rentenniveau drastisch gekürzt, die Rente erst ab 67 Jahren eingeführt und Beiträge zur Rentenversicherung für Langzeitarbeitslose gestrichen.

Zudem haben Reformen des Arbeitsmarktes wie eine Art Brandbeschleuniger für Altersarmut gewirkt. Niedrige Löhne bedeuten niedrige Renten. Der Niedriglohnsektor ist explodiert, und vor allem Millionen Frauen schuften zu Dumpinglöhnen. Gerade Frauen haben wegen Massenarbeitslosigkeit und Kindererziehung häufig Unterbrechungen im Erwerbsleben. Die Rechnung dafür bekommen sie mit dem Rentenbescheid – millionenfach.

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