Zum Hauptinhalt springen

Manchmal ist die zweite Wahl die beste

erschienen in Clara, Ausgabe 13,

Kirsten Tackmann wollte nicht in die Politik. Seit vier Jahren ist sie für Frauen und Landwirtschaft zuständig.

Alt Ruppin in Brandenburg, im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Ein idyllisches Örtchen. Klein und beschaulich, sehr grün, direkt am Ruppiner See, teilweise eine Halbinsel, umspült von zwei Armen des Rhins. An diesem sonnigen Nachmittag wird Kirsten Tackmann erwartet. Von der Freundschaftsgesellschaft in Alt Ruppin. Sie kommt nicht zum ersten Mal zu einem Hintergrundgespräch. Doch diesmal hat die Bundestagsabgeordnete etwas mitgebracht. Einen Scheck über 200 Euro. Jeden Monat spendet sie an Vereine, Kindergärten, Sportgruppen, Initiativen in ihrem wahrlich sehr großen Wahlkreis. Die Spendeneuros stammen aus der Diätenerhöhung. Ende 2007 vom Bundestag beschlossen, gegen die Stimmen der Linksfraktion. Die Erhöhung konnte zwar nicht verhindert werden, aber seitdem gibt jedes Fraktionsmitglied die Mehrsumme weiter. An Bedürftige, an soziale Projekte, an Kinder- und Jugendeinrichtungen, an Frauenschutzräume. Es gibt so viele und so vieles in Finanznöten, sagt die promovierte Tierärztin und Politikerin. Letzteres hat sie allerdings nicht geplant, nicht einmal, als sie sich 2005 als Kandidatin aufstellen ließ. Platz 5 auf der Landesliste. Das reicht sowieso nicht, dachte die bodenständige Frau. Niemand kennt mich. Für die Öffentlichkeit bin ich kein prominentes Gesicht. Etwa so wie Wolfgang Gehrke, der Spitzenmann zuvor. Der wurde damals allerdings in Hessen gebraucht. Also sagte Kirsten Tackmann ja. Außerdem liebt sie das direkte Reden mit den Leuten. Weniger die großen Kundgebungen vor großem Publikum, dafür das Gespräch in kleiner Runde.

Das Bombodrom am Gartenzaun

Sie spricht ohne Punkt und Komma. Schnörkellos, ganz klar und sortiert, braucht dazu weder Zettel noch Manuskript, die Fakten und Zusammenhänge purzeln nur so aus ihr heraus. Wissenschaftlerin eben. Aber eine ohne Fachchinesisch, ohne gestanzte Worthülsen. Das mögen die Leute an Kirsten Tackmann. Das Reden vor anderen musste sie auch schnell lernen. Denn bereits in ihrem ersten Bundestagsjahr stand sie gemeinsam mit ihrer Fraktionsmitstreiterin Barbara Höll auf Platz 3 der meistaufgetretenen Rednerinnen und Redner des Hauses. Nicht etwa, weil sie sich danach gedrängelt hat, sie war mit ihrem Fachbereich einfach immer wieder Mode. Die Landwirtschaft und der Verbraucherschutz. Denn kaum war sie drin im großen Parlament, da häuften sich auch schon die Skandale: Gammelfleisch und Vogelgrippe. Das war so massiv, gleich zu Beginn ihres Politikerinnendaseins, dass Kirsten Tackmann zum ersten Mal in ihrem Leben dachte, »eine richtig dicke Fehlentscheidung« getroffen zu haben. Die gesamte Agrarpolitik und den Verbraucherschutz so allein wegzuschleppen, das war Arbeit ohne Ende, unendlich komplex, zeit- und nervenaufreibend. Aber die Frau aus der Prignitz gehört zu denen, die, wenn sie ja sagen, auch ja meinen. Das gilt übrigens auch für ein nein. Das fällte Kirsten Tackmann ganz entschieden gegen das »Bombodrom«. Es geht um 120 Quadratkilometer märkische Heide. Jahrzehntelang der Bombenabwurfplatz für die Sowjetarmee. Nachdem die aus dem Osten weg war, wurden Begehrlichkeiten der Bundeswehr öffentlich. Volker Rühe, der damalige CDU-Verteidungsminister sah in der Fläche den idealen Luft-Boden-Schießplatz. Das war im Sommer 1992, also vor nunmehr 17 Jahren. Seitdem trotzt die Bürgerinitiative FREIe HEIDe der mächtigen Bundespolitik. Inzwischen ein Symbol für widerständige Demokratie. Kirsten Tackmann lebt seit 1986 in der Prignitz. In einem 80-Seelen-Dorf. Ganze 11 Kilometer trennen ihren Gartenzaun von der Grenze zum Bombenabwurfplatz. Das Dröhnen der MIGs, das dumpfe Grollen der Detonationen, das nächtliche Aufblitzen der Geschützfeuer am Himmel, das alles hat sie noch hautnah erlebt. Dass die Bundeswehr das Gelände als Übungsplatz weiternutzen könnte nach dem Ende des Kalten Krieges, das wollte und konnte sie sich nicht vorstellen. Das war naiv, sagt sie rückblickend. Seit der Jahrtausendwende streitet sie nun aktiv für eine Heide ohne Militärkrach. Damals hatte das Bundesverwaltungsgericht geurteilt, dass die Bundeswehr das Areal nutzen darf, habe allerdings bestimmte Regeln nicht eingehalten. »Das kann nicht sein«, überlegte sich die damals noch stille, aber interessierte Beobachterin Kirsten Tackmann, »dass mit irgendwelchen Verfahrenstricks politisch durchgeboxt wird, was die meisten Menschen in der Region nicht haben wollen«. Da war der Schritt in die FREIe HEIDe kein großer mehr, diese einmalige Allianz von Menschen, die politisch relativ wenig miteinander zu tun haben. Ob Naturschützer, Friedensaktivist, Unternehmer oder Christ, sie alle eint ein Gedanke: die FREIe HEIDe. Und seit 2005, seitdem Kirsten Tackmann die große politische Bühne nutzen kann, hält sie das Thema auch parlamentarisch am Kochen. Immer wieder Anfragen, mündlich und schriftlich. Immer wieder Nachhaken. Denn das »Bombodrom« ist »keine Frage von Frieden oder Umweltschutz, sondern eine zutiefst demokratische. Kann man gegen eine übergroße Mehrheit solches Verfahren durchsetzen? Kann man sich darüber hinweg setzen oder schaffen wir es rechtsstaatlich, parlamentarisch, das zu verhindern?« Die Chance dafür ist da und war noch nie so groß. Der gewählte Souverän, so Kirsten Tackmann, muss sich nur selber ernst nehmen. Das bedeutet im Klartext, den Bürgerwillen zu vertreten, denn dafür sitzt er schließlich im Parlament.

»Ost-Tussi« oder»West-Blaustrumpf«

Kirsten Tackmann sitzt übrigens auch noch ganz speziell für Frauen im Parlament. Seit drei Jahren ist sie die frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Eine Mammutaufgabe. Denn an dieser Stelle muss sie die unterschiedlichen Sozialisierungen von Ost und West zusammenbringen. Das heißt, so reden, dass eine westdeutsche Feministin sie nicht als »weichgespülte, defensive Ost-Tussi« sieht und die selbstbewussten Frauen aus den neuen Ländern sie nicht als aggressive Frauenrechtlerin empfinden. Es geht um das Verbindende, trotz biographisch unterschiedlicher Erfahrungen. Auch und immer noch nach 20 Jahren Mauerfall. Bei kultureller Akzeptanz ist es möglich, auf verschiedenen Wegen Gleiches zu erreichen. Wie kompliziert das allerdings ist, macht Kirsten Tackmann am Beispiel des 500-Euro-Regelsatzes deutlich. Für den Westen ein emanzipatorischer Ansatz. Eine Art Grundsicherung. Im Osten läuft die Debatte dazu ganz anders. Die Frauen dort wollen nicht für 500 Euro zu Hause bleiben. Immer noch wollen sie arbeiten gehen, sie definieren sich auch über Erwerbstätigkeit und der damit verbundenen ökonomischen Unabhängigkeit. Unterschiedliche Sichtweisen, die kommuniziert werden müssen, ohne zu entsolidarisieren. Und überhaupt: Frauenpolitik sei ein Thema, das alle angeht. Sie allein, so Kirsten Tackmann, kann die Interessen von Frauen nicht umsetzen. Sie kann aber dafür sorgen, dass auch der Wirtschaftsexperte, der Umweltpolitiker, der Sozialfachmann, der arbeitsmarktpolitische Sprecher Frauen »mitdenkt«. Als besonders Betroffene, als Subjekt und Objekt des Handelns. Dafür hat Kirsten Tackmann gearbeitet. Ganz still und leise. Denn sie ist keine, die sich um jedes Mikrofon reißt. Selbstinszenierung will sie nicht, vermeidet sie auch. Zu sagen hat sie trotzdem viel.

Auch interessant