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Lotta Queer - Angesagt und In?

erschienen in Lotta, Ausgabe 2,

Ein Blick hinter die Kulissen im queeren Berlin

Um zwölf Uhr mittags steht Jay Anderson auf. Manchmal auch erst um zwei Uhr nachmittags, wenn es am Vorabend wieder später wurde. Jay Anderson ist Discjockey Alternegro. Jay, Mitte Dreißig, stammt eigentlich aus New Jersey, USA, und lebt seit zwei Jahren in Berlin. Er ist einer von sehr, sehr vielen jungen Menschen, die aus der ganzen Welt in die deutsche Hauptstadt kommen, um dort ihren Traum zu leben: Eine Existenz, die Kreativität, Selbstverwirklichung und Broterwerb vereint. Ein Traum mit Hindernissen, denn es gibt kaum Jobs, die Mieten steigen – und die vielen »Kreativen« verderben die Preise, weil sie ihre Arbeit oft verschenken, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Unter ihnen gibt es sehr viele Schwule und Lesben. Kein Wunder, denn seit der Wende gilt Berlin als einer der queeren »Hauptstädte.«

Jay Anderson hat schon immer davon geträumt, hauptberuflich DJ zu sein – nun tut er es auch: »Die Auftragslage ist bei DJs oft schwankend, im Moment mache ich im Schnitt 300 Euro im Monat.« Und wie kann er davon leben? »Miete, Krankenversicherung! Ehrlich gesagt: Ohne die Hilfe meiner Freunde hätte ich schon längst aufgeben müssen. Aber Berlin ist nun meine Heimat – in den USA hatte ich immer das Gefühl, nirgendwo richtig dazu zu gehören. Schwul und schwarz: Aber hier in Berlin wird das Anderssein regelrecht gefeiert. Das ist toll.« Jay legt häufig bei queeren Parties auf. Jeden Dienstag in einer Kreuberger Gay-Bar. Er nennt seine Veranstaltung dort »Nottanz«, ein passendes Motto: »Mein Lohn beträgt für diesen Abend 30 Euro. Ich stelle immer ein Glas vor die Turntables, aber viel Trinkgeld kommt meist nicht zusammen.« D ie Entlohnung schwankt, mal bekommt er 80 Euro, wenn es gut läuft, auch mal 200. Manchmal teilen die Tresenkräfte ihre Trinkgelder mit ihm. In der Szene verdienen diese zwischen sechs und zehn Euro die Stunde. »Die meisten Leute, die in Szene-Lokalen arbeiten, machen das nur, weil sie eigentlich Künstler sind und Geld brauchen«, erklärt Jay. Besser könnte man das Prekäre in der Welt des queeren Berliner Nachtlebens nicht auf den Punkt bringen: Die Servicekräfte arbeiten hier, um ihre Kunst zu finanzieren. Die Künstler arbeiten hier, und können nicht davon leben. Und die Gäste haben kein Geld, weil sie was mit Kunst machen. Das erträgt man häufig nur mit Alkohol.