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Lotta Queer - Adornopreis für Judith Butler!

erschienen in Clara, Ausgabe 3,

Der Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main ging in diesem Jahr an Judith Butler. Bereits die Nominierung löste eine hitzige Debatte aus. Eine Annäherung.

Judith Butler ist ein Popstar der Philosophie. Sie ist Professorin für Literaturwissenschaften an der Universität Berkley. Zu ihren Vorträgen pilgern nicht nur junge Menschen in meist überfüllte Säle und kleben gebannt an ihren Lippen. Sie fasziniert und provoziert seit nunmehr zwei Jahrzehnten. Mit ihrem Buch »Das Unbehagen der Geschlechter« erregte sie 1990/1991 Aufsehen wegen ihrer Thesen zu Geschlecht und Sexualität. Butlers Ansatz ist radikal und verstörend.

Sie charakterisiert sich als jüdisch geprägte Feministin, die auf einem schwankenden Boden agiert. Warum schwankend? Während sich die feministischen Strömungen stark an der französischen Intellektuellen Simone de Beauvoir orientierten (»Man wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht«), ging Butler darüber hinaus. Die Grundannahme, es gäbe nur zwei Geschlechter, die sich aufeinander beziehen und gegenseitig begehren, zog sie in Zweifel. Dieses Denken, das sich tief in unsere Kultur eingeschrieben habe, sei Teil der »heterosexuellen Matrix«.

Nach Butler ist es weder »natürlich«, dass es nur zwei Geschlechter gebe, noch dass der Mensch heterosexuell sei. Ihre Arbeiten zu Ge- schlecht und Sexualität sind dabei stark geprägt vom philosophischen Ansatz der »Dekonstruktion« nach Derrida und Foucault. Butler gilt seitdem als Hebamme der Queer-Theorie. In Reaktion auf ihre Thesenwurde Butler teilweise unterstellt, sie würde der feministischen »Befreiung der Frau« den Boden entziehen. Denn wenn es keine »Frauen« als kollektives Subjekt mehr gibt, kann man diese auch nicht befreien, so die Kritik. Dennoch halten auch viele ihrer Kritikerinnen und Kritiker ihre Arbeit für preiswürdig, weil unbedingt intellektuell faszinierend.

In den politischen Fokus geriet sie mit ihrer scharfen Kritik am Staat Israel und seiner Siedlungspolitik sowie ihrer Aufwertung von Hamas und Hisbollah zu Teilen der Linken. Butler wurde Antisemitismus vorgeworfen. Für Aufsehen sorgte ebenfalls, dass sie während des Berliner Christopher Street Days 2010 den ihr zugedachten Preis ablehnte mit der Unterstellung, die Veranstalter seien Rassisten. Dass sie sich zumindest unzureichend über die Berliner Situation informiert hatte, gab sie später zu. War es nicht eine übereilte Verwendung des Begriffs Rassismus seitens Butlers, die CSD-Veranstalter als Rassisten zu titulieren? Ist es nicht ebenso eine verkürzte Anwendung des Begriffs Antisemitismus, Butler als Antisemitin zu bezeichnen? Butler bleibt somit eine sperrige öffentliche Intellektuelle, sie steht für eine kopernikanische Wende in der Geschlechtertheorie, aber auch sie hat politische Schwachstellen.

Bodo Niendel und Franziska Rauchut, Referent und Referentin für Gleichstellungs- und Queerpolitik in der Fraktion DIE LINKE

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