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Lotta queer

erschienen in Lotta, Ausgabe 1,

Angetreten war Occupy im Sommer 2011, um in der Tradition der BürgerInnenrechtsbewegungen den 99 Prozent der Gesellschaft, die nicht von den Spekulationen der Finanzwelt profitieren, eine Stimme zu verleihen. Occupy steht für die öffentlichkeitswirksame Besetzung der Banken- und Regierungsviertel, für den Kampf um die Menschenwürde und gegen die Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche. Das sind Taktiken und Inhalte, wie sie auch die feministische Bewegung der 1980er und die Queer-Bewegung der 1990er Jahre kennen. In Athen, Berlin, Frankfurt am Main, Lissabon, London, Tel Aviv und in zahlreichen Städten der USA gingen Menschen auf die Straße, um Demokratiedefizite, Lohnkürzungen und sozioökonomische Umstrukturierungsprozesse ehemals preisgünstiger Stadtviertel  anzuprangern. Neben kapitalismuskritischen Forderungen fanden sich auch Slogans wie Occupy Patriarchy  (www.occupypatriarchy.org) oder »Wir sind 51Prozent« (Gender-AG von Attac). Punktuell agierte in den USA und in Deutschland eine starke (queer-)feministische Bewegung, die grundlegende Kritik am wuchernden Kapitalismus und mit ihm verwobenen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen wie Rassismus, Homo- und Transphobie, Fremdenfeindlichkeit, der Diskriminierung von Behinderten sowie der Ausbeutung der Umwelt übte.
Viele Queer-FeministInnen fühlen sich jedoch von der Bewegung nicht mitgenommen. Sexistisch sei sie, frauenfeindlich und heteronormativ. Von Vergewaltigungen in den Zeltlagern von Oakland, Toronto und New York war in der Presse die Rede, die nicht streng genug geahndet oder sogar tabuisiert wurden. Von geschlechtergerechter Sprache hat die Bewegung noch nichts gehört, in Postgender-Manier bleiben die Redelisten unquotiert, in der »Wir sind alle eins« – Schwarmkultur von Occupy erfahren Differenzen keine Berücksichtigung.
Die Bürgerrechtlerin Angela Davis, die die Bewegung in den vergangenen Monaten sowohl in ihrem Wohnort Oakland als auch im Zuccotti Park in New York und am Bundespressestrand in Berlin durch Reden unterstützte, forderte die AktivistInnen daher auf, auf eine »differenzierte Einheit« hinzuarbeiten, die niemanden ausgrenzt und unterdrückt. Sie zitierte die afroamerikanische lesbische Dichterin Audre Lorde : »Wie können wir uns zu einer Einheit zusammenschließen, die differenziert und emanzipatorisch wirkt? In der wir Unterschiede nicht einfach erdulden, sondern sie als eine Quelle der notwendigen Gegensätze ansehen, zwischen deren Polen Kreativität funkelt?«
Die differenzierte Einheit muss eine komplexe sein, die konkrete und umfassende Kapitalismuskritik übt, dabei aber immer die Interdependenz verschiedener Macht- und Unterdrückungsverhältnisse im Blick behält. Daher muss sich die Bewegung grundlegend mit ihrem Sexismus, ihrer Frauenfeindlichkeit und Homophobie auseinandersetzen. So wie übrigens alle linken Bewegungen vor ihr auch.

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