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Lizenz zum Gelddrucken

erschienen in Clara, Ausgabe 38,

Weil Pharmakonzerne die hiesigen Krankenkassen insbesondere bei neuen Medikamenten abzocken, könnten bald die Beiträge für Millionen Versicherte steigen.

So eine drastische Kostenexplosion bei Arzneimittelausgaben gab es seit Jahren nicht: Um unglaubliche 3,2 Milliarden Euro stiegen die Ausgaben der Krankenkassen für Medikamente im Jahr 2014. Ein Anstieg um 10,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, obwohl gerade mal ein Prozent mehr Arzneimittel verordnet wurden.   Preistreiber sind dabei insbesondere patentierte Medikamente, die neu auf dem Markt sind. Für Pharmakonzerne sind diese eine Lizenz zum Gelddrucken: Im ersten Jahr der Einführung eines neuen Medikamentes können die Konzerne den Preis selbst festlegen und nutzen dieses Privileg dazu, Mondpreise aufzurufen. Diese sind völlig unabhängig von den tatsächlichen Kosten für Forschung und Herstellung. Erst ein Jahr nach Einführung gilt ein mit den Kassen ausgehandelter Preis, der angesichts der Einführungspreise noch immer astronomisch ist. Die Rechnung dafür müssen die Krankenkassen teuer bezahlen – also alle gesetzlich Versicherten.   Die hohen Preise für Medikamente begründen Pharmakonzerne mit hohen Forschungs- und Entwicklungskosten. Allerdings geben die Pharmakonzerne mehr Geld für Werbung aus als für Forschung.    Was derzeit falsch läuft im Pillengeschäft, lässt sich am Beispiel von Sovaldi zeigen, einem Medikament gegen Hepatitis C. Im Februar 2014 bringt der US-Konzern Gilead Sciences das Präparat auf den deutschen Markt. 700 Euro kostet eine Pille. Für die Packung, die für eine zwölfwöchige Therapie notwendig ist, kassiert das Unternehmen 60.000 Euro. Nach Einschätzung von AOK-Chef Jürgen Peter kostet die Herstellung aber kaum mehr als 100 Euro.  Allein im Jahr 2014 zahlten die deutschen Krankenkassen für dieses Medikament 424 Millionen Euro an die US-amerikanische Pharmafirma. Für den Konzern ist das ein Hauptgewinn: Im Jahr der Zulassung von Sovaldi vervierfacht er seinen Profit auf sagenhafte 12 Milliarden Euro. Und die Zahlen fürs erste Halbjahr 2015 weisen nochmals fette Gewinnsteigerungen aus.   Aber selbst wenn nach einem Jahr der Preis für ein Medikament zwischen Konzern und Krankenkassen verhandelt wird, sind die Kassen in einer schlechten Position. Je wirksamer das Präparat, desto größer die Macht der Pharmakonzerne, denn sie haben einen entscheidenden Trumpf in der Hand: Wenn ihnen der Preis nicht gefällt, drohen sie damit, sich vom deutschen Markt zurückzuziehen. Den Nachteil hätten dann alle Patientinnen und Patienten, die mit den neuen Medikamenten behandelt werden. Das Ergebnis davon ist: Im Normalfall erreichen die Krankenkassen in den Verhandlungen im Durchschnitt gerade mal 20 Prozent Rabatt. Im Fall von Sovaldi sogar ein bisschen mehr, aber eine einzige Pille kostet immer noch 500 Euro.    Pharmakonzerne weisen Gewinnmargen auf, von denen andere Branchen nur träumen können. Einige Unternehmen kommen auf Margen von über 50 Prozent.   Bisher weigert sich die Bundesregierung, neue Gesetze zu erlassen, die diese Abzocke verhindern. Mit den bekannten Nebenwirkungen: Aktuell warnen Experten vor drastisch steigenden Beiträgen zur Krankenversicherung in den nächsten zwei Jahren, von bis zu 300 Euro zusätzlich pro Person ist die Rede. Der Grund: die hohen Ausgaben der Kassen – unter anderem wegen der astronomischen Preise, die Pharmakonzerne für neue Arzneimittel kassieren.   

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