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Links bedeutet auch, Spaß an Politik zu haben

erschienen in Clara, Ausgabe 2,

Wer Axel Troost nicht kennt und mit ihm verabredet ist, den erwarten gleich mehrere Überraschungen. Wer Überraschungen auch mit Aha-Effekten verbindet, der hat noch mehr Genuss von einer Begegnung mit ihm. Ihm zuzuhören und zuzusehen macht einfach Spaß. Nicht nur, dass er die Gestalt und Gutmütigkeit von Obelix hat, Axel Troost - man verzeihe den Vergleich - vereint zugleich auch den Gegenpart der beiden Trickfilmhelden in sich. Er hat ebenso die Leidenschaft und den zupackenden Geist von Asterix. Nur spielt sich sein Leben nicht in den weiten gallischen Ebenen, sondern zwischen Bremen und Sachsen, dem Sitz seiner Abgeordnetenbüros, sowie dem Bundestag in Berlin ab.

Axel Troost ist finanzpolitischer Sprecher der Fraktion und hat Spaß, Spaß an Politik, und das schon seit frühester Jugend. Seine linke ›Prägung‹ bekam er auf der Eliteschule Salem. Offensichtlich gab es damals dort Mentoren - zu seinem Klassenlehrer hat er noch heute freundschaftlichen Kontakt -, die dem jungen Wilden soziales Engagement vorlebten. Gymnasiast Troost konnte es kaum erwarten, 16 Jahre alt zu werden, um den ersten SPD-Ortsverein in jenem Kaff zu gründen. Er organisierte Seminare zur Problematik der dritten Welt und hoffte auf rege Beteiligung in der Schülerschaft. Nicht einer kam zu seinem Seminar. Diese Ignoranz war für ihn kaum zu ertragen. Deshalb trat er in den Hungerstreik - drei Tage lang. Geschadet hat es ihm nicht - im Gegenteil. Er begriff, man muss Mehrheiten gewinnen.

Es war Anfang der siebziger Jahre, die Zeit des Rechtsrucks in der SPD, die Zeit der Berufsverbote, und er trat recht schnell wieder aus der Partei aus. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre in Marburg promovierte er über die Verteilungswirkung der Staatsverschuldung. Er wollte nachweisen, dass die Reichen durch die Staatsverschuldung immer reicher, die Armen dadurch immer ärmer werden. Diesen Nachweis konnte seine Doktorarbeit nicht erbringen. Denn die Reichen werden nicht immer reicher, weil es die Staatsverschuldung gibt, sondern weil sie durch eine zu geringe Besteuerung der hoher Einkommen und Vermögen ständig mehr Geldvermögen bilden können.

»Ich muss Sachen liebevoll machen.«

Axel Troosts Stil, sich mit wirtschaftspolitischen Problemen und Alternativen zum Kapitalismus auseinanderzusetzen, ist gründlich, wissenschaftlich exakt. Er ist seit 1981 Geschäftsführer der ›Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik‹ (Memorandumgruppe) und nennt diesen Stil: »Eine Sache liebevoll machen«. »Liebevoll machen« steht synonym für vollen Einsatz, keine Halbheiten oder Mogeleien im politischen Alltagsgeschäft.

Er mag es bis heute nicht, über Dinge zu reden, die er nicht verstanden hat. Er kann nur vertreten, wovon er auch überzeugt ist. Innerlich überzeugt ist er nur, wenn er selber auch ›Ableitungen‹ finden kann. Logisch, er ist viel zu sehr Wissenschaftler und praktischer Macher. Sich nur in der Theorie alternativer Wirtschaftsforschung zu bewegen, war ihm von Anfang an zu wenig.

1984 gründet er aus dem Nichts die ›PIW Progress-Institut für Wirtschaftsforschung GmbH‹ und hat Erfolg. Es sind Erfolge des tüchtig Umsichtigen. Seine Erfahrungen und Neugier prädestinieren ihn für wirtschaftliches Neuland im Osten. Hier ist nach der Wende die Arbeitslosenquote besonders hoch. Arbeitsplätze werden immer weniger, und doch wird Arbeit immer mehr. Ein Paradoxon, geradezu pervers in einem reichen Land, wenn einem Millionenheer an Arbeitslosen ein Berg an unerledigten gesellschaftlich notwendigen und nützlichen Aufgaben gegenübersteht, die wegen fehlender kaufkräftiger Nachfrage nicht zu Erwerbsarbeit werden.

»Bedenkenträger gibt es immer, wenn man Neues versucht.«

Von 1990 bis 2001 ist Axel Troost zusätzlich Geschäftsführer der ›BÜSTRO Büro für Strukturforschung Rostock GmbH‹. Eine Machbarkeitsstudie in der Modellregion Rostock soll neue Denkansätze und Modelle im öffentlich geförderten Beschäftigungssektor aufzeigen. Die Studie erbringt den Nachweis trotz hunderter ›Bedenkenträger‹, wie Troost sie nennt. 13 Leitideen bilden den Kern der Idee GAP (Gemeinwohlorientierte Arbeitsförderprojekte). Dazu gehören u.a. längerfristige Beschäftigung, ortsübliche Bezahlung nach Qualifikation, Transparenz, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Fast 500 Arbeitsplätze wurden allein in der Region Rostock regional geschaffen und durch eine Regiestelle betreut. Immerhin - Arbeitsplätze z.B. in Nachbarschaftshilfe, Betreuung für Kinder und ältere Bürger, Tourismus-, Kultur- und Ökologieprojekten. Die rot-rote Regierung von Mecklenburg Vorpommern wurde so Vorreiter für neue Ideen auf dem Arbeitsmarkt. Es hätten noch mehr sein können, meint Troost.

In Mecklenburg-Vorpommern stellt inzwischen wie im Bund eine Große Koalition die Regierung. Mit Verbitterung nimmt Axel Troost zur Kenntnis, dass in großen Teilen der SPD, ebenso wie in der CDU, nicht wirklich Maßnahmen zum Abbau von Arbeitslosigkeit in Angriff genommen werden. Es seien Scheinaktivitäten. Die SPD hat sich von ihren Grundsätzen, von sozialer Gerechtigkeit und Solidarität, verabschiedet. Neben der Steuerpolitik seien die Maßnahmen in der Arbeitsmarktpolitik die gesellschaftlich fatalste Fehlentscheidung der rot-grünen Regierung nach 1998. Zunehmende Ausgrenzung, Chancenlosigkeit und vererbte Armut als deren Auswirkungen machen Axel Troost wütend. Dies hat ihn auch dazu gebracht, 2004 die WASG mit zu gründen, in deren Geschäftsführendem Vorstand er heute noch ist. Er wird immer wieder bohrend nachfragen, was andere Parteien wirklich zum Abbau von Arbeitslosigkeit beitragen.

»Wir müssen eine linke Bewegung organisieren, die überzeugend sagt, so geht es nicht.«

Bremen ist seit 24 Jahren seine Wahlheimat. Am 13. Mai dieses Jahres finden Bürgerschaftswahlen statt. Zum ersten Mal hat die neue Linke in einem Landtag der alten Bundesländer eine reale Chance einzuziehen. Das hätte natürlich Signalwirkung für die ganze Republik. Ein doppelter Konjunktiv ist aber nicht Axel Troosts Sache. Noch ist die Linke nicht drin, obwohl viele an einen Sieg glauben oder glauben wollen. Die Wahlkämpfer stehen in den Startlöchern. Massenarbeitslosigkeit und Armut, Bildungsfragen und Chancengleichheit sind auch in der ehemals reichen und sozialen Hansestadt die beherrschenden Themen. »Es reicht nicht, darüber zu schreiben, es reicht nicht auf Demos zu latschen, wir müssen eine linke Bewegung organisieren, die überzeugend sagt, es geht konkret auch anders. « Sein Part sei es nicht vorrangig, Betroffene ›einzusammeln‹, sein Part sei es aufzuzeigen, welche machbaren Alternativen es gibt, meint Axel Troost. Mit überzeugenden, akzeptablen Lösungsansätzen will er auch Bürger aus Mittelschichten ansprechen, stadtteilbezogene Konzepte vorstellen, die real umgesetzt werden können. Ein ›Kühlschrankklima‹, in dem heute bereits jedes vierte Bremer Kind arm ist, können letztlich auch betuchte Hanseaten nicht hinnehmen.

Beweise dafür, dass DIE LINKE. gesellschaftliche Themen nachhaltig setzen kann, habe z.B. die Mindestlohnkampagne der Bundestagsfraktion im vergangenen Jahr gezeigt. Seit Axel Troost im Herbst 2005 in den Bundestag einzog, ist der Samstag zum Regelarbeitstag für ihn geworden. Seine Dauerkarte bei Werder Bremen hat er deshalb inzwischen aufgegeben. Schade eigentlich, denn Werder Bremen ist in Siegerlaune.

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