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Linker Feminismus in Europa

erschienen in Lotta, Ausgabe 12,

Frauen in der kriegsgeschüttelten und zerrissenen Ukraine – wer vertritt sie, wie sind sie organisiert, mit wem arbeiten sie zusammen? Fragen an Nelia Vakhovska, Projektkoordinatorin der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kiew.

Die Ukraine gilt als ein zwischen Osten und Westen zerrissenes Land. Was bedeutet das für die Situation von Frauen?

Nelia Vakhovska: Noch mehr Schwierigkeiten. In der vertieften Wirtschaftsund Sozialkrise werden Frauen mehrfach benachteiligt. Die Reste der Sozialversorgung, die die Ukraine von der Sowjetunion geerbt hatte, werden gelöscht, als Neues kommen die neoliberale Agenda und Arbeitslosigkeit.

Mit welchen Folgen?

Die sozialistische Gesellschaft war sicher frauenfreundlicher. Es gab gläserne Decken, die waren wahrscheinlich auch höher als im Westen, aber es gab Gesundheitsvorsorge, Kinderbetreuung und Geschlechterquoten. Die Frauenemanzipation in den 1920er Jahren entstand aus dem Arbeitskräftemangel für die Industrialisierung. Der Staat brauchte Frauen und Männer als Arbeitskräfte. Der Feminismus wurde somit von oben nach unten verordnet, ohne wirklich verankert zu sein. Frauen wurden nicht von ihren traditionellen Rollen befreit und hatten die doppelte Belastung von Arbeit und Haushalt. Deshalb bestand bisher ein Konsens darüber, dass die sowjetische Politik keine feministische war. Aber jetzt fällt es noch weiter dahinter zurück. Das Assoziierungsabkommen der Ukraine mit dem Westen fordert massive Sparmaßnahmen. Das führt zu schweren Einschränkungen. Wenn das Kindergeld gekürzt wird oder es an Kinderbetreuung und Pflegediensten fehlt, dann geht das natürlich hauptsächlich auf Kosten der Frauen. Es ist also wichtig, die soziale Frage mit dem Feminismus zu verbinden.

Gibt es Frauenorganisationen, die das thematisieren?

Feminismus ist in der Ukraine eher urban und intellektuell geprägt, inspiriert vom Westen. Es gibt einzelne Gruppen, mit denen wir zusammenarbeiten, aber es bleibt vorrangig im intellektuellen Bereich. In Kiew gab es 2011 einen Zusammenschluss mit dem Namen Feministische Offensive. Sie hatte eine Demonstration zum 8. März organisiert. Etwa 200 bis 300 Menschen waren da, was schon ein großer Erfolg war. Aber diese Feministische Offensive gibt es nicht mehr, sie hat sich wegen Streitigkeiten aufgelöst.

Und danach?

Danach hatten wir die Hoffnung, dass die Friedensbewegung hauptsächlich von Müttern getragen wird. So wie in den 1970er Jahren während des Afghanistankriegs. Zu Beginn des Kriegs im Donbass hatten einige Frauen im ukrainischen Westen Straßen, die für die Verbindung nach Russland sehr wichtig waren, blockiert. Aber nach zwei Wochen war schon wieder alles vorbei. Die Kriegspropaganda erklärte die Frauen zu »Verräterinnen der Nation« und brachte sie damit zum Schweigen. Heute gibt es keine Frauenbewegung mehr, keine, die sich starkmacht für Forderungen der Frauen.

Das hört sich sehr pessimistisch an. Wo sehen Sie trotzdem eine Perspektive?

Eine Chance liegt in den Frauengruppen der Gewerkschaften. Da gibt es schon einige aktive, aber die Gewerkschaften insgesamt sind selbst noch sehr schwach. In einer lokal organisierenden Gewerkschaft können diese Frauengruppen jedoch ein wichtiger Teil sein. Zum Beispiel in Krywyj Rih, das ist eine Großstadt in der südlichen Ukraine, gab es kürzlich eine Arbeiterschule zum Thema Gleichstellung. Die Veranstalter hätten nicht erwartet, dass das so gut ankommt. Besonders junge Arbeiterinnen und Arbeiter waren sehr aufgeschlossen. Die Women’s International League for Peace and Freedom, eine international arbeitende Nichtregierungsorganisation, entwickelt gerade eine Idee, wie Praktiken solidarischer Ökonomie in das Kriegsgebiet gebracht werden können, um Frauen vor Ort zu stärken. Und natürlich gibt es kleine Gruppen an Hochschulen, auch engagierte Künstlerinnen und Künstler, selbst wenn sie im intellektuellen Bereich bleiben.

 

Das Gespräch führte Alexandra Wischnewski