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Letzter Rettungsanker für Frauen in Not

erschienen in Querblick, Ausgabe 4,

Gesine Lötzsch plädiert für Babyklappen und anonyme Geburt

Anonyme Geburten und Babyklappen sind Rettungsanker – und zwar nicht nur für das Leben von Neugeborenen, sondern auch für Frauen in Not. Denn anonyme Geburten und Babyklappen sind ein letztes Angebot für all jene Schwangeren und Mütter, die von den vorhandenen gesellschaftlichen Hilfsangeboten aus verschiedenen Gründen nicht profitieren können, etwa weil es nicht genügend davon gibt.

Babyklappen und anonyme Geburten ersetzen keine Beratungsdienste und Notrufe, sondern sind ein notwendiges Angebot, solange bedrängte Frauen nicht ausreichend Unterstützung erfahren. Frauen nämlich, die sich in Notsituationen befinden und die sich keinem langwierigen Adoptionsverfahren aussetzen können, bei dem zum Beispiel auch der Vater eingebunden werden muss. Oder Frauen, die keine Spätabtreibung ertragen wollen, wenn ihnen erst zu spät klar wurde, dass sie schwanger sind, aber die sich nicht in der Lage sehen, ein Kind großzuziehen.
Wir wissen nicht, wie viele Kinder in Babyklappen gelegt werden, denn es gibt nicht einmal verlässliche  Statistiken. Sicherlich ist es schwierig für die betroffenen Kinder, ihre leiblichen Eltern nicht zu kennen. Aber angesichts heutiger Patchwork-Familienformen, wo längst nicht mehr alle Kinder auch mit ihren leiblichen Eltern zusammenleben, muss es doch vor allem darauf ankommen, Kindern die Chance für ein Aufwachsen in einem liebevollen sozialen Umfeld zu geben.

Es steht uns nicht zu, moralisch über das Verhalten der betroffenen Frauen zu urteilen. Gegner der Babyklappe und der anonymen Geburt sagen, dass damit nur eine Scheinlösung geboten werde, die nicht im eigentlichen Interesse der Frauen läge. Ich aber denke, dass es nicht weiterhilft, Frauen wohlwollend als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse zu beschreiben und ihnen sagen zu wollen, was gut für sie ist. Nicht alle ungewollt Schwangeren sind verzweifelt, aber gerade für diese Gruppe brauchen wir die Babyklappe und die anonyme Geburt. Jede Frau muss auch weiterhin selbst über sich und ihren Körper entscheiden können. Deswegen darf die Debatte um Babyklappen auch nicht dazu missbraucht werden, die bestehenden Abtreibungsregelungen weiter zu verschärfen und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen zu beschneiden.

Aufgabe von uns Politikerinnen und Politikern muss es sein, sich pragmatisch den gesellschaftlichen Realitäten zu stellen und so lange für die notwendigen Angebote zu sorgen, bis die sozialen Rahmenbedingungen eine solche Zwangssituation für Frauen gar nicht mehr entstehen lassen. Deswegen setze ich mich für den Ausbau von Unterstützungs- und Beratungsangeboten für Frauen (und Männer) in Not wie staatlich finanzierte 24-Stunden-Telefonnotdienste ein. Babyklappen und die anonyme Geburt müssen zudem besser rechtlich ausgestaltet werden, damit zum Beispiel Kinderhandel oder das Ablegen von Kindern gegen den Willen der Mutter von vornherein vermieden werden.

Für mich steht fest: Solange es nicht genügend Unterstützung für Frauen in Notsituationen gibt, müssen wir es Frauen ermöglichen, sicher zu gebären und das Wohlergehen ihres Kindes sicherzustellen. Und so lange brauchen wir auch Rettungsanker wie Babyklappen und anonyme Geburten.
Gesine Lötzsch, MdB, Stellvertretende Fraktions-vorsitzende und Haushaltspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE.

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