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„Lehre deine Kinder, niemanden zu hassen“

erschienen in Klar, Ausgabe 37,

Orphaned Land ist eine der international erfolgreichsten Bands Israels. Sie machen Heavy Metal und singen für den Frieden in der Region. Klar sprach mit Chen Balbus, dem Gitarristen der Band, über Krieg, aggressive Musik und Auswege aus der Gewaltspirale.

Völkerverständigung und Frieden sind Ihre Hauptthemen. Wie kam es eigentlich dazu?   Chen Balbus: Wir würden ja auch lieber über Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll singen, aber wenn man da herkommt, wo wir herkommen, geht das einfach nicht. Wenn man in einem Umfeld lebt, in dem terroristische Anschläge und Gewalt an der Tagesordnung sind, muss man sich einfach damit befassen.    Ist es nicht ein bisschen eigenartig, dass ausgerechnet eine so aggressive Musik wie Heavy Metal von Ihnen als Friedensmusik genutzt wird?   Das ist tatsächlich ziemlich interessant. Für mich ist der Metal das reinste Musikgenre. Ja, es ist aggressive Musik, aber sie kommt aus dem Herzen. Es ging in der Szene nie um den ganz großen Erfolg. Metal begann als Untergrundmusik, ein sehr rebellischer Stil. Heute geht es dort natürlich auch um viel Geld. Aber im Kern hat sich der Metal diese Untergrundattitüde bewahrt. Und wir haben festgestellt, dass man mit der Musik die Herzen vieler Menschen erreichen kann, auch in den arabischen Ländern. Wir haben auch dort sehr viele Fans, nicht nur in Israel.   Wie erklären Sie sich diesen Erfolg sowohl in Israel als auch in arabischen Ländern?   Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir über Dinge reden und singen, die die Menschen konkret betreffen, also über Krieg und so weiter. Das merken sie. Andererseits verarbeiten wir ja auch musikalische Elemente aus der ganzen Nahost-Region. Deshalb – so glaube ich zumindest – fühlen sie unsere Musik auf eine andere Art und Weise. Ich denke, es fühlt sich für sie wie etwas von zu Hause an.   Sie haben sich nie auf eine Seite des Konflikts gestellt, wie ist es, in der Mitte zu stehen?   Das ist nicht leicht, aber einer muss es ja machen, denn momentan haben wir Politiker, die Macht, Geld und Gehör haben und von denen kein Frieden ausgeht. Wir versuchen einfach unser Bestes, mit unseren Mitteln ein bisschen Frieden zu stiften.   Wie wirksam kann das sein in einem so gewaltigen Konflikt?    Klar, das Problem liegt viel tiefer, als dass es mit irgendwelchen Aktivitäten in der Musikszene zu lösen wäre. Die Musik selbst kann den Konflikt nicht stoppen. Aber es ist zumindest ein Anfang.   Sehen Sie eine Chance auf ein Ende des Konflikts?    Wir werden dem Ziel Frieden niemals näher kommen, wenn nicht die Leute, die in der Verantwortung sind und oben sitzen, etwas tun. Der Krieg ist ein Geschäft, Rüstung ist ein Geschäft. Wenn an der Spitze die Leute sitzen, die das große Geld damit machen, wird man den Krieg nicht beenden können.   Derzeit gibt es ja eher mehr als weniger Gewalt in Israel. Was ist Ihre Idee, um diese Gewaltspirale zu durchbrechen?   Wenn man Frieden schließen will, muss man den Frieden wollen. Man muss einfach jede Armee demontieren. Wenn jeder Frieden will, braucht niemand Militär, braucht niemand Waffen. Lehre deine Kinder, niemanden zu hassen, weil er Schwarzer, Muslim, Jude oder sonst was ist. Es ist eine Frage der Erziehung.     Orphaned Land (deutsch: verwaistes Land) sind eine im Jahr 1991 gegründete Heavy-Metal-Band aus Israel. Ihre Musik prägen klassische Instrumente und Mittel des Metal sowie folkloristische Elemente aus dem Nahen Osten. Die Texte handeln von den drei abrahamitischen Weltreligionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, deren Symbole das Cover ihres aktuellen Albums „All Is One“ zieren.