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Kunst & Kultur: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier

erschienen in Lotta, Ausgabe 9,

Theater im Klassenzimmer. Ein Gedankenexperiment um Fremdenfeindlichkeit, Heimatverlust und Sehnsucht nach Hause.

Schwarzheide, ein kleiner Ort kurz vor der Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen, das Emil-Fischer-Gymnasium, morgens gegen halb zehn, ein großzügiger Klassenraum, darin Mädchen und Jungen von der 7. bis zur 10. Klasse. An der Tafel steht kein Pädagoge, sondern es agieren eine Schauspielerin und ein Schauspieler. Was wäre wenn, fragen sie in den Klassenraum hinein: „Wenn bei uns Krieg wäre, wohin würdest du gehen?“ Es ist ein spielerisches Gedankenexperiment zu dem Hanka Mark und Friedrich Rößiger von der Neuen Bühne Senftenberg die Schülerinnen und Schüler einladen. Es geht um schwer Vorstellbares, um Krieg. Der ist nicht irgendwo, sondern hier. Nicht die arabische Welt versinkt im Chaos, sondern Europa. Es sind nicht Afrikaner, Araber oder Afghanen, die ihre Heimatländer verlassen müssen, sondern Deutsche, Franzosen, andere Europäer. Sie leben in einem Unrechtsstaat, Verfolgung, Hunger, Kälte machen den Alltag aus. Wer kann, geht weg. Flieht in den Nahen Osten und macht den Versuch im Flüchtlingslager ein neues Leben zu beginnen. Aber es gibt keine Aufenthaltsgenehmigung, keine Chance auf Schule, damit keine Chance die Sprache zu lernen. Die jungen Leute bleiben Fremde. Außenseiter.
Eine halbe Stunde dauert das dichte Spiel der Theaterleute. Danach reden Schauspieler und Schüler miteinander. Lange und offen. Sie seien „geschockt“, sagen einige. Und man höre immer davon, wüsste aber nicht, was es wirklich bedeutet: Freunde zu verlieren, Angst zu haben, die fremde Sprache und Kultur nicht zu verstehen. Sie erzählen von der Asylunterkunft in ihrem Umfeld, von den Diskussionen der Einwohner darüber und von Migrations- und Fluchtgeschichten in ihren eigenen Familien. Unter anderem wie Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg alles verloren, in der Fremde eine neue Bleibe finden mussten. Und sie sprechen über Pegida, über die Verletzung von religiösen Gefühlen bei Menschen, die mitten in Deutschland leben. So viel Nachdenklichkeit, so viele gestellte Fragen, so viel Suche nach Antworten. Das kurze Theaterstück vermag Verblüffendes. Es ist ein einfaches wie eindringliches Plädoyer für Respekt und Einfühlung. Die Neue Bühne Senftenberg inszenierte diese „Klassenzimmerproduktion“ nach dem gleichnamigen Buch von Janne Teller. Auf Einladung geht das Theaterteam damit in die Schulen, spielt aber auch auf der hauseigenen Bühne.
Mehr unter: www.theater-senftenberg.de

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