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Kultur trotz Krise

Von Lukrezia Jochimsen, erschienen in Clara, Ausgabe 19,

Die Neue Bühne Senftenberg ist eines der ärmsten und zugleich kreativsten Theater Deutschlands. Bildung ist kein Luxus, Kultur ist Alltag und gehört ins Grundgesetz, sagt ihr Intendant Sewan Latchinian.

Senftenberg ist ein Ort mit etwa 28000 Einwohnern, gelegen im Süden Brandenburgs. Ein Jahrhundert lang bescherte die Braunkohle der Region Arbeit und Reichtum. Heute künden vom einstigen Markenzeichen Kohlenbergbau nur noch zwei Glocken auf dem Dach des Stadttheaters.


„Vielleicht sind wir so etwas wie eine weltliche Kirche in der Region“, sagt Sewan Latchinian, der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg. Die Stadt und das Theater sind ein Paar seit dem Jahr 1946. Aus der ehemaligen Turnhalle, entworfen vom berühmten Baumeister Bruno Taut, wurde zunächst das Stadttheater, danach das Theater der Bergarbeiter und nach 1989 die Neue Bühne Senftenberg.


Ein kleines Theater ganz groß


Es ist Mittwochmorgen gegen 10 Uhr. Eigentlich soll es losgehen mit den Endproben für das Stück „Der verkaufte Großvater“, einem bäuerlichen Schwank von Anton Hamik. Premiere ist in drei Tagen. Doch in der Nacht zuvor endete das Spiel erst weit nach Mitternacht. Die Schauspieler dürfen deshalb eine Stunde später kommen.


Kostümiert und geschminkt stehen sie nun auf der Bühne und versuchen sich an dem Kunststück, den ersten Akt vor dem Vorhang zu beenden, während dahinter Techniker den Bühnenumbau für den zweiten Akt proben. „Geräuscharm und schnell“ wünscht sich Latchinian den Vorgang. Das mit der Zeit klappt, aber der Umbau poltert, schlurft und hämmert noch zu laut in die Dialoge hinein. Daran wird gefeilt bis in den späten Nachmittag hinein.


Seit 2004 hält Sewan Latchinian die Fäden für die Neue Bühne Senftenberg in der Hand. Er ist Intendant, Regisseur und Schauspieler in einem. Sein Haus zählt gerade einmal einhundert Mitarbeiter, von der Sekretärin über den Bühnenbauer, von den Licht- und Tontechnikern bis hin zum künstlerischen Personal.


Geld gab’s noch nie viel. Vier Millionen Euro pro Spielzeit hat er zur Verfügung. Diese Summe geben andere Kunsttempel allein für eine Inszenierung aus. Latchinian stemmt damit 13 Premieren, von der Komödie über den Klassiker bis hin zum Gegenwartsstück. Dazu kommen Kabarett à la carte, Kinopremieren, immer in Anwesenheit des Regisseurs, Lesungen mit Autoren und die eigene Kultreihe „Der Intendant lädt ein“, in der Sewan Latchinian mit einem prominenten Schauspieler auf der Bühne kocht und plaudert. Die Karten dafür sind weg, bevor die Besucher überhaupt wissen, wer der nächste Gast sein wird.


Noch streicht niemand am Theaterbudget, dabei ist der zuständige Landkreis Oberspreewald Lausitz arm wie eine Kirchenmaus. „Aber weniger darf es so oder so nicht werden“, erläutert Latchinian. Die Summe, seit Jahren gleichbleibend, fängt die steigenden Kosten ohnehin nicht mehr auf: höhere Energiepreise, Druck- und Papierausgaben, Urheberrechte, Aufführungsrechte – alles Posten, die das Theater nicht beeinflussen kann.


Für angemessene Gagen für die Schauspieler reicht es meistens nicht. „Sie haben maximal 1.500 Euro im Monat für sieben Tage intensive Arbeit auf der Bühne, bei Proben und Aufführungen. Keiner schaut dabei auf die Uhr“, erzählt Sewan Latchinian. Leidenschaft und Selbstausbeutung sind die Zauberwörter des Erfolgs.


Im Jahr 2005 fiel auch Theaterkritikern dieser Erfolg im deutschsprachigen Raum auf. Sie kürten die Neue Bühne Senftenberg zum „Theater des Jahres“, punktgleich mit so großen Häusern wie den Münchner Kammerspielen, dem Schauspielhaus Hamburg und dem Deutschen Theater Berlin.


Die Freiheit zur Pflicht


Kantinenzeit, kurze Verschnaufpause. Am Kaffeetisch sitzen Wolfgang Schmitz und Bernd Färber, zwei der Hauptdarsteller. Der eine kam aus der Eifel, der andere aus Bayern ins Brandenburger Land. Seit vier Jahren gehören sie zum festen Ensemble. Sie sind wegen Latchinian gekommen und weil „man hier alles spielen kann: von Kleists ›Zerbrochenem Krug‹ über Goethes ›Faust‹ bis hin zum ›Rumpelstilzchen‹“. Die Bezahlung sei denkbar knapp, dafür aber sei das Theaterteam einmalig und verschworen, erzählen die beiden Männer.


„Aus materiellem Mangel kreieren wir täglich poetischen Reichtum“, sagt Latchinian, „darauf sind wir stolz.“ Für den Intendanten sind die ewigen Spar- und Streichdebatten allerdings ermüdend. „Wenn Politik glaubt, Kultur sei Luxus, dann weiß sie nicht, wovon sie redet“, ärgert er sich.


Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die Kommunen die Entscheidungsfreiheit für Kultur und Bildung. Eine Freiheit, die – nimmt man sie ernst – als Verpflichtung und Verantwortung gemeint ist. Daran hat sich bis heute im Prinzip nichts geändert. Doch Bund, Land und Kommunen nehmen ihre freiwillige Pflicht für Kultur in der Regel nur noch nach Kassenlage wahr.


Der Kulturetat im Gesamthaushalt des Bundes liegt unter einem Prozent. „Selbst wenn alle deutschen Theater geschlossen würden, hätte man damit nicht einmal ein Prozent aller Probleme wirtschaftlicher und finanzieller Art gelöst. Im Gegenteil, sie fallen hundertfach auf die Kommune zurück“, sagt Latchinian. Denn das, was im Kulturbereich wegfalle, müsse am Ende beim Sozialetat draufgepackt werden. Er hält den Wert des Theaters für nicht gänzlich bezifferbar, verweist aber darauf, dass Theater unbezifferbare Werte schaffe.


Aus Stroh Gold machen


Welche Werte das sind, das sieht man in der Stadt Senftenberg allein schon beim Bummeln. Das Brot beim Bäcker bekommt man in eine Tüte gepackt, auf der steht: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Beim Verweilen im Kaffeehaus verspricht das Zuckertütchen: „Gegen Bitterkeit im Leben“. Das Logo des Theaterhauses, der stilisierte Schaufelradbagger samt Schriftzug, fällt im Stadtzentrum ins Auge, es schmückt etliche Häuserwände.


„Das Theater lebt in und mit der Stadt“, erzählt Marten Eger. Eger ist ein Mann Anfang vierzig und Geschäftsführer des Wasserverbandes Lausitz GmbH. Ende der 1990er Jahre verschlug es ihn aus beruflichen Gründen nach Senftenberg. Seit seiner Kindheit gehört Theater zu seinem Alltag.


Als er das erste Mal die Neue Bühne Senftenberg besuchte, entschied er sich, etwas für diesen schönen Ort zu tun. Er wurde Fördermitglied, später Vorsitzender des Theaterfördervereins mit inzwischen über 100 Mitgliedern. „Wir suchen Partner und richten die Premierenfeiern aus“, zählt Marten Eger auf. Dreizehnmal allein in diesem Jahr, und eingeladen sind immer alle Besucher des Theaterabends, eine Einmaligkeit in Deutschland.


Mittlerweile ist es Abend geworden. Die erste Hauptprobe steht an, drei Akte mit einer Pause dazwischen. Bis zur Premiere sind es nur noch zweieinhalb Tage. Noch holpert und stolpert es auf der Bühne, mal beim Text, mal beim Umbau. Es ist kurz vor 22.30 Uhr, als Intendant Latchinian seinen Schauspielern am Ende des letzten Aktes zuruft: „Zieht euch um, schminkt euch ab, in zwanzig Minuten treffen wir uns zur Besprechung.“ Da ist der Theatertag für alle Akteure vor und hinter der Bühne schon zwölf Stunden alt und er wird wieder weit nach Mitternacht enden.

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