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Kranke Arbeitswelt

erschienen in Klar, Ausgabe 34,

In Deutschland leben Millionen Menschen, die sich eine bezahlte Arbeit wünschen. Doch trotz guter Qualifikation und zahlreicher Bewerbungen finden viele von ihnen keinen Job. 

In Deutschland leben Millionen Menschen, die sich eine bezahlte Arbeit wünschen. Doch trotz guter Qualifikation und zahlreicher Bewerbungen finden viele von ihnen keinen Job. Laut offiziellen Angaben der Agentur für Arbeit und der Bundesregierung waren im September 2014 rund 2,8 Millionen Menschen erwerbslos. In dieser Statistik tauchen jedoch fast 800.000 Erwerbslose nicht auf, weil sie krank sind, Ein-Euro-Jobs haben oder einer Weiterbildung nachgehen. Tatsächlich gibt es hierzulande aktuell rund 3,6 Millionen Erwerbslose (siehe Grafik rechts oben).

Gleichzeitig ist Deutschland Europameister bei den Überstunden. Bezahlte und unbezahlte Mehrarbeit gehört für viele Beschäftigte zum Arbeitsalltag. Im Jahr 2012 arbeiteten rund zwei Millionen Beschäftigte 49 Stunden oder mehr pro Woche. Ihr Anteil ist gestiegen (siehe Grafik unten). In den Jahren 2011 bis 2013 wurden laut Auskunft der Bundesregierung jeweils etwa 1,4 Milliarden bezahlte Überstunden geleistet. Das entspricht rund 730.000 Vollzeitarbeitsplätzen. Hinzu kommen laut Schätzungen unbezahlte Überstunden in vergleichbarer Höhe.

Während ein Teil der Bevölkerung keine Gelegenheit erhält, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu bestreiten, arbeitet ein anderer Teil mehr, als für die Gesundheit gut ist. Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fallen wegen psychischer Krankheiten aus. Im Jahr 2012 summierte sich die Anzahl aller Fehltage aufgrund dieser Krankheiten auf 61,5 Millionen. Frauen sind überdurchschnittlich häufig betroffen. In diesem Jahr mussten aus diesen Gründen mehr als doppelt so viele Arbeitnehmerinnen wie im Jahr 1993 in eine Erwerbsminderungsrente gehen.

Die Ursachen sind vielfältig. In vielen Betrieben ist die Arbeitsbelastung größer geworden, weil weniger Beschäftigte dieselbe Menge Arbeit bewältigen müssen. Der Druck steigt auch, weil sogenannte atypische Beschäftigungsverhältnisse auf dem Vormarsch sind. Dazu zählen Leih- und Teilzeitarbeit sowie befristete und geringfügig entlohnte Tätigkeiten. Wenn man sein Leben schlecht planen kann, weil der Arbeitsplatz gefährdet ist oder der Lohn zum Leben kaum ausreicht, erhöht das den Stress für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – und der kann krank machen.

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