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Konkurrenz für die Rote Anna

erschienen in Clara, Ausgabe 16,

Diese Frau steht fest auf den Beinen. Keine steife Brise, kein Sturm kann sie wegblasen. Sie hat nicht nur Kraft, sondern vor allem auch Haltung. Das hat die 1954 in Hannover geborene Felicitas Weck schon früh bewiesen. Gerade mal zwei Jahre zuvor war Helgoland von Großbritannien an die Bundesrepublik zurückgegeben worden. Das zu erwähnen ist wichtig für den weiteren Verlauf der Geschichte, der Lebensgeschichte von Felicitas Weck. Nach einem Pädagogikstudium mit den Fächern Sport und Chemie hat sie sich mit einem Taxiunternehmen selbständig gemacht. Das geschah, so sagt sie leicht selbstironisch, »aus der Überzeugung, dass ich zur Lehrerin nicht tauge und sowohl die Kinder als auch mich nur unglücklich machen würde«. Taxifahrten statt Klassenfahrten. Das kleine Unternehmen entwickelte sich rasch zu einem Busunternehmen, in dem die Chefin nicht nur das Zepter geschwungen, sondern häufig selbst auf »dem Bock« gesessen hat.
Mitte der achtziger Jahre wurde aus der mittelständischen Unternehmerin auch noch eine kommunalpolitische Akteurin in dem bei Göttingen gelegenen Solling-Städtchen Hardegsen – bis Helgoland sind es von hier 381 Kilometer. Als Einzelkämpferin für die GRÜNEN zog sie in den Rat ein, sah sich den seinerzeit üblichen Anfeindungen als GRÜNEN-Politikerin ausgesetzt und hielt mit Grund durch. »Hier war ich«, so stellt sie rückblickend fest, »ganz nahe dran an den Menschen und konnte was verändern, wenn sie mich nur lassen würden.«

Kommunale Leidenschaft

Man ließ sie in Hardegsen zwar nicht so richtig, aber dennoch hatte Felicitas Weck ihr Thema gefunden, das sie von da an bis hinein in die Gegenwart beschäftigte: Kommunalpolitik. Konsequenterweise wechselte sie das Metier. Aus der Unternehmerin wurde die Geschäftsführerin des Vereins »Grün-alternative Kommunalpolitik in Niedersachsen e. V.«, abgekürzt GAK, der dem Zweck diente, die mehr als 800 grün-alternativen KommunalpolitikerInnen in Niedersachsen fit und klug zu machen. Das gefiel ihr. Ganz und gar nicht gefiel ihr, dass ihre Partei 1999 auf dem Parteitag in Bielefeld dem militärischen Einsatz im Kosovo zustimmte. So ein Beschluss vertrug sich nicht mit ihrer pazifistischen Haltung. Sie stieg bei den GRÜNEN aus und baute stattdessen in den folgenden Jahren in Hannover, das mit dem Steinhuder Meer ein wenig die wilde See vorgaukeln könne, eine linke kommunalpolitische Szene mit auf. Sie wurde Geschäftsführerin der links-alternativen Rats- und Regionsfraktion, gründete dann 2005 mit anderen den WASG-Landesverband in Niedersachsen und wurde in den Bundesvorstand gewählt. Im Juni 2006 stellte sie gemeinsam mit Oskar Lafontaine, Gregor Gysi, Katja Kipping, Lothar Bisky und Klaus Ernst den Gründungsaufruf »Für eine neue Linke« vor. Ein Jahr später wurde die neue Partei gegründet. Da ist Felicitas Weck schon Referentin für den Bereich Kommunalpolitik in der Bundestagsfraktion DIE?LINKE. Sie kümmert sich auch heute noch um gute Kontakte der LINKEN auf allen Ebenen: zu Bundes-, Landes- und Kommunalpolitikern.

Helgoland mit »Reizklima«

Und nun: Helgoland. Einfach so. Nicht als Beraterin der zwei LINKEN-Abgeordneten im Gemeinderat – das war nur der Anfang ihrer Beziehung zu dieser Nordseeinsel –  sondern gleich als Bürgermeisterkandidatin.
Wenn schon, denn schon. Felicitas Weck, die von guten Freundinnen und Freunden einfach »Fee« genannt wird, schwebt nicht über den Dingen, sondern steht zwischen den Menschen. Sie ist nicht unberührbar, sondern eher knuffig. Mit ihr lässt sich streiten. Streit ist für die Insel in der Nordsee auch vonnöten, obwohl auf den ersten Blick alles so nett und friedsam ist. Besonders bei schönem Wetter.
Wer als Tourist Helgoland betritt, spürt sofort, dass die einzige deutsche Hochseeinsel »entschleunigt«. Genervte Stadtmenschen merken gleich, dass es hier keine Autos gibt, nur wenige Elektromobile für den Gepäcktransport. Selbst Fahrräder sind in der Saison der Polizei vorbehalten. Eine ganze Gemeinde als Fußgängerzone – ein Traum für alle, die zu Hause um jeden Quadratmeter autofreie Innenstadt ringen. Eltern können hier auf der Insel ihre Kinder unbesorgt auf der Straße spielen lassen.
Viele Touristen schätzen das Reizklima und die frische Brise, die Gezeiten und die Natur. Für andere ist Helgoland zollfreies Einkaufsparadies ohne Tabak-, Branntwein- und Mehrwertsteuer – allerdings mindert die ausschließlich auf Helgoland erhobene Gemeindeeinfuhrsteuer den Preisvorteil ein bisschen. Die großen Zeiten der Einkaufsfahrten per Schiff – erst durch die rollende See, dann durch die Shopping-Meile, schließlich mit einer mindestens leichten Dröhnung übers Meer zurück zum Festland – sind vorbei. Helgoland mit seinen knapp 1300 Einwohnern auf gerade mal 1,7 Quadratkilometern hält als staatlich anerkanntes Seeheilbad etwa 2000 Betten in Privatquartieren, Pensionen und Hotels vor. Nur wenige Menschen auf der Insel leben nicht vom Tourismus.
Doch hinter der Traumkulisse mit ihren roten Felsen an der Nordspitze, von denen das Wahrzeichen der Insel den schönen Namen Lange (rote) Anna trägt, mit ihren Sandstränden und Robbenkolonien auf der benachbarten Insel Düne verbergen sich massive Probleme. Denn Tourismus allein vermag strukturelle Probleme kaum abzubauen.

Im Winter bleibt oft nur Hartz IV

Nicht nur von Gudrun Bachmann, die ein Café betreibt, weiß Felicitas Weck, dass in den langen Wintermonaten viele Gaststätten und Läden geschlossen bleiben und nur wenige Übernachtungen gebucht werden. Die Folge davon: Viele Menschen auf der Insel haben außerhalb der Saison kein Einkommen, viele sind auf Hartz?IV angewiesen, weil für das Arbeitslosengeld I ein paar Monate fehlen. Felicitas Weck tritt deshalb zur Bürgermeister-Wahl am 5. September mit einem Programm an, dessen Inhalte nicht nur den Gästen, sondern auch den Einheimischen dienen sollen: mehr vom Tourismus unabhängige Arbeitsplätze, Ausweitung eines naturnahen »sanften« touristischen Angebotes auch außerhalb der Saison, verbesserte Fährverbindungen, Verbesserung im Wohnungsmarkt für Singles und Familien, Ausbau der medizinischen Versorgung und Pflege. Und das ist erst der Anfang.
Ein neuer Anfang, da ist sich Felicitas Weck sicher, muss auch in der Verwaltung des Ortes, der eine amtsfreie Gemeinde im Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein ist, gemacht werden: »Mein Ziel ist es, die Zusammenarbeit und Effektivität in der Verwaltung zu verbessern und damit dafür zu sorgen, dass die Arbeit mehr Freude und Zufriedenheit für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Bevölkerung und die Gäste der Insel schafft.«
Das hat etwas von einer Mutprobe. Für beide Seiten. Die Wählerinnen und Wähler auf der einen Seite und Felicitas Weck auf der anderen. Sie kehrte, wenn sie dann gewählt würde, zu den Anfängen ihres kommunalpolitischen Engagements in Hardegsen zurück. Nicht mehr Beraterin, sondern nun wieder Politikerin. Und die Helgoländer müssen der Kompetenz der Kandidatin vertrauen. »Wir brauchen«, sagt ein 60-Jähriger, »›frisches Blut‹, und ich fände es gut, wenn jetzt eine Bürgermeisterin das Sagen hätte.« Und ein anderer kann sich Felicitas Weck »sehr gut als unsere Bürgermeisterin vorstellen, mit der es besser laufen kann«. »Den Helgoländern«, so fügt er hinzu, »ist es eigentlich egal, von welcher Partei sie kommt«. So betrachtet muss sich die Rote Anna um ihr Alleinstellungsmerkmal keine Sorgen machen.

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