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Kniefall vor den Verlegern

erschienen in Clara, Ausgabe 33,

Von dem ab Januar 2015 bundesweit geltenden gesetzlichen Mindestlohn sind viele Berufstätige ausgenommen. So auch rund 300.000 Frauen und Männer, die Nacht für Nacht Zeitungen zustellen.

Für Dagmar Scheller (Name von der Redaktion geändert), die im Rhein-Main-Gebiet lebt und arbeitet, ist die Nacht kurz. Um 2.30 Uhr reißt der Wecker sie aus dem Tiefschlaf. Katzenwäsche, Anziehen, eine Tasse Kaffee – für mehr reicht die Zeit nicht, der erste von drei Jobs ruft. Dagmar Scheller arbeitet als Zeitungszustellerin.   Sie nimmt die großen Schlüsselbunde vom Haken, holt den Handkarren aus dem Keller und tritt hinaus in die kühle, dunkle Nacht. Es nieselt. Nach zehn Minuten Fußweg erreicht sie die Ablagestelle, den überdachten Eingang eines Geschäftshauses. Gegen 3.15 Uhr fährt ein Kastenwagen vor, der die druckfrischen Zeitungen liefert.   Die Zeitungen für ihren Bezirk sind abgepackt. Sie reißt das Packband auf, sortiert die Titel und hievt die schweren Stapel in den Handkarren. Neben dem großen Lokalblatt mit mehreren Werbebeilagen verteilt sie auch überregionale Tages- und Wochenblätter. Voll beladen hastet sie von Tür zu Tür. Immer wieder muss sie sich vor den Hausbriefkästen bücken und das passende Zeitungsexemplar hervorkramen.    An diesem Morgen hat Dagmar Scheller Glück: Die Zeitungen waren pünktlich da. Doch wenn sich der Druck und folglich die morgendliche Anlieferung der Zeitungen verzögert, weil die Leser erwarten, dass ihre Zeitung von einer Wahl, einer Naturkatastrophe oder einem wichtigen Fußballspiel aktuell berichtet, dann muss Dagmar Scheller sich noch mehr sputen. Spätestens um 6 Uhr müssen die Zeitungen in den Briefkästen stecken. „Manchmal, aber nicht immer, bekomme ich in solchen Fällen Verspätungsgeld“, sagt sie. Einen festgelegten Stundenlohn erhält Dagmar Scheller nicht. Seit mehreren Jahren gab es keine Lohnerhöhung. Sie bekommt einen von der Geschäftsführung mit Satellitennavigation ermittelten Grundlohn nach Bezirk und Route, der sich aber nicht an ihren geleisteten Arbeitsstunden orientiert. Meist sind es für sie je nach Arbeitstag umgerechnet zwischen 5 und 7 Euro pro Stunde.   Gerne hätte sie ab dem nächsten Jahr vom gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde profitiert. Doch dass die allermeisten der bundesweit rund 300?000 Zeitungszustellerinnen und -zusteller noch zwei Jahre länger auf den Mindestlohn von 8,50 Euro warten müssen, hat ihnen der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) eingebrockt.   Verleger drücken Lohn   Nach einem Bericht des SWR-Magazins „Report“ hat der BDZV im Vorfeld der Beratungen über das Mindestlohngesetz systematisch und erfolgreich Abgeordnete und Regierung bedrängt, Ausnahmeregelungen für die Zeitungszustellung zu vereinbaren. Welcher Politiker will es sich schon mit der Presse verderben? Noch im Frühjahr hatte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) versprochen: „Ausnahmen für Branchen wird es keine geben.“ Kurz darauf folgte der Wortbruch. Eine Petition der Gewerkschaft ver.di ignorierte Nahles. Den Vorgang kommentierte der Kölner Juraprofessor Ulrich Preis als Sachverständiger im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales: „Ich möchte nicht ausschließen, dass diese Regelungen Produkt eines außerordentlich intensiven Lobbyismus sind.“ Drastischer formuliert es der Sozialwissenschaftler Stefan Sell aus Koblenz: „Das ist ein Sieg der Verlegerlobby, letztendlich ein Kniefall der politischen Entscheidungsträger.“   In den Zeitungen, die Dagmar Scheller austrägt, schweigen sich die Verleger über die Lobbyarbeit in eigener Sache aus. Sie stellen sich lieber als Verteidiger der Pressefreiheit dar, die durch den Mindestlohn angeblich gefährdet sei. Für Stefan Sell ist der Hinweis auf die Pressefreit „nicht nur eine skurrile, sondern auch eine völlig unsinnige Argumentation“. Schließlich gebe es „eine Menge Verlage, die Renditen im zweistelligen Prozentbereich erwirtschaften“.    Die gewöhnliche Tour im Bezirk, die Namen der Abonnentinnen und Abonnenten sowie die passenden Hausschlüssel hat Dagmar Scheller routiniert im Kopf. Schwierig wird es, wenn Abonnenten kündigen oder wegen Urlaubs das Blatt abbestellen: ein kleiner Fehler, und kritische Kunden rufen sofort in der Zentrale an, um sich zu beschweren. Auch andere Abweichungen von der Arbeitsroutine erschweren Dagmar Schellers Job. Manchmal muss sie neben den Tageszeitungen noch Werbeblätter an alle Haushalte im Bezirk verteilen. Das erhöht zwar den Gesamtlohn, drückt aber den rechnerischen Stundenlohn. Denn es kostet viel Zeit, die ihr für die Zustellung der Tageszeitungen fehlt. Manchmal kommen Einsätze als Krankheits- und Urlaubsvertretung hinzu. Doch von der Knochenarbeit als Zustellerin allein kann Dagmar Scheller nicht leben. Halbtags arbeitet sie als Bürokraft. Und sie geht putzen.   Deutlich besser ergeht es den Familien, denen mit zwei Ausnahmen sämtliche Tageszeitungen mit einer Auflage von mehr als 200.000 Exemplaren gehören: Das manager magazin führt sie in der Liste der reichsten 500 Deutschen. Die Entscheidung der Regierung, den Zeitungszustellern den Mindestlohn noch zwei weitere Jahre vorzuenthalten, sichert die Rendite der Verlegerfamilien. Dagmar Scheller und ihre Kolleginnen und Kollegen müssen sich hingegen weiterhin Nacht für Nacht und Tag für Tag in prekären Jobs abrackern.  

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