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Kleine Sünden, großes Verderben

erschienen in Clara, Ausgabe 23,

Wulff geht, Angela Merkel 
und ihr Zerstörungswerk bleiben.

 

Die merkwürdigen Quittungen, die ungeklärten Zahlungen, die kleinkarierten Vorteile sind so uninteressant wie die Person selbst. Christian Wulff ist langweilig, seine Taten lächerlich, seine Moral peinlich. Am Tisch der Neureichen das geschäftige Palaver mit braver Seriosität garnieren und anschließend Gefälligkeiten kassieren – das war von Anfang an nicht cool und auch nicht wirklich nützlich für den Salon. Mit eifriger Tat und leidenschaftlichem Wort bittere Medizin unters Volk zu bringen, hat er nicht vermocht. Vor allem deshalb genoss er keinen Rückhalt unter seinesgleichen. Er musste gehen, weil er zu nichts zu gebrauchen war.   Dabei ist Christian Wulff nur die harmlose CDU-Version des korruptionsanfälligen Emporkömmlings, der gewöhnlich in der SPD seine Heimat hat. Walter Riester zum Beispiel, der als Minister zum Großlobbyisten der Versicherungsunternehmen wird und danach als Propagandist fragwürdiger Privatrenten satte Tageshonorare einsteckt. Oder Peter Hartz, der als VW-Personalchef zuerst brasilianische Prostituierte für Betriebsräte und anschließend Armut per Gesetz organisiert. Oder Florian Gerster, der als Chef der Nürnberger Arbeitslosenkasse vor allem sich selbst bedient. Oder Wolfgang Clement, der zugunsten des RWE-Konzerns seine eigene Partei verrät. In einem Team mit diesen vier glorreichen Gestalten wäre Christian Wulff nur als Inbegriff der Naivität aufgefallen.    Sein früherer Gegner Gerhard Schröder wusste von Anfang an, dass die Geldherren und Unternehmenslenker keine biederen Plauderer, sondern echte Geschäftspartner brauchen. Harte Gesetze gegen das gemeine Volk und im Gegenzug der Ritterschlag – das war Gerhard Schröders Deal. Für seine Dienste wollte er keine kostenlosen Ferienwohnungen. Er verlangte Reputation, vor allem Anerkennung vom gesamten Establishment. Und die bekam er reichlich: Lobgesänge für seinen Agenda-Mut und für sein Geschick, den Sozialraub als alternativlos zu verkaufen. Schröder beherrschte das, was wir –
um Unterlassungsklagen zu vermeiden – 
auf keinen Fall so nennen wollen: die höhere, die politische Form der Korruption. Später kam mit Putins Hilfe die persönliche Bereicherung hinzu – wie bei Joschka Fischer und anderen zweifelhaften Figuren aus rot-grüner Zeit.   Mit diesen Niederungen des Politbetriebs hat Angela Merkel scheinbar nichts zu tun. Von Vorteilsnahme ist nirgends die Rede. Die Umfragen attestieren großes Vertrauen zur Kanzlerin. Tatsächlich aber treibt auch Merkel die Korruption in neuer Dimension voran. Denn es geht um ganz Euro-Europa. Und es geht um den vollen Wortsinn des lateinischen »corrumpere«, das nicht nur bestechen, sondern auch verderben und zerstören bedeutet. Im Wochentakt lässt Angela Merkel, flankiert von Nicolas Sarkozy, zu neuen Angriffen auf den europäischen Sozialstaat blasen, um Finanzinteressen durchzusetzen. Spardiktate, Verlust der Souveränität, Bankmanager als Regierungschefs, suspendierte Demokratie – das ist die vorläufig höchste Stufe der Korruption.   Je erbarmungsloser Angela Merkel unschuldige Menschen jenseits unserer Grenzen millionenfach abstürzen lässt, desto mehr wird sie zur Staatsfrau von geschichtlichem Format geadelt. Solange die Eurozone nicht insgesamt in einen Abwärtsstrudel gerät, ist Merkel die Heldin des Bürgertums. Sie praktiziert Schröders Deal im EU-Format und verschärft dessen Kurs. Das Volk – in Griechenland, in Portugal und bald auch anderswo – soll keine Stimme mehr haben, damit Banken und Gläubiger ihren Tribut bekommen.

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