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Klassisches Ernährermodell hat längst ausgedient

erschienen in Querblick, Ausgabe 7,

Interview mit Frigga Haug

Frigga Haug, Sie sind für den Satz bekannt, dass Feminismus immer mehr ist, als nur Gleichberechtigung. Warum?

Ein Anspruch auf Gleichberechtigung, also gleiche Rechte, etwa »unter den Brücken von Paris zu schlafen«, wie Marx diese Forderung ironisiert, verzichtet ja im Modus der Gerechtigkeit auf jede Veränderung des Ganzen. Es soll nur paritätisch zu gleichen Teilen geschehen. Man kann das auf alle möglichen Berufe für die Frauen durchspielen und kommt verblüfft zu dem Schluss, dass diese nicht eine gute und nicht die erstrebte Gesellschaft wäre. Dennoch hat die Forderung nach gleichen Rechten auch eine Befreiungsdimension. Aber sie ist, wie die Quote, ein Kampfmittel, nicht das Ziel.

Was bedeutet das für die heutige Zeit?
So will auch Feminismus eine alternative Gesellschaft, in der alle so leben können, dass sie ein Recht haben auf einen Erwerbsarbeitsplatz, alle an der Reproduktion der Menschen teilhaben, also sich Schwächeren (Kindern und Alten, Behinderten und Kranken) und sich selbst gegenüber sorgend verhalten. Alle sollen die in ihnen schlummernden Möglichkeiten entfalten können und für all dies sich politisch einmischen können. Feminismus ist also verbunden mit gerechterer Arbeitsteilung, mit anderer Zeitverfügung, mit einem anderen Demokratieverständnis und mit der Freiheit, sich zu entwickeln. Frauen haben historisch viel an Selbstverwirklichung versäumt, da sie lange aus der Politik ausgeschlossene waren. Sie können aber radikal genug sein, die politische Gestaltung der Gesellschaft für alle einzufordern.

Das Patriarchat spielt in vielen Diskussionen der Frauen untereinander eine Rolle. Sie beklagen eine gewisse weibliche »Mittäterschaft«. Was meinen Sie damit?

Patriarchat als Herrschaft des Mannes über sein gesamtes Hauswesen, Frauen, Kinder, Sklaven existiert nicht mehr. Der Begriff ist infolgedessen nur als Metapher zu sehen für eine männliche Dominanz in der Gesellschaft. Wo immer gewissermaßen »natürlich« Männern alle oberen Posten zufallen, ihre Löhne höher sind, sie mehr Raum einnehmen, sichtbarer sind, spricht man im Feminismus vom »Patriarchat«. Aber hier gibt es in den Jahren des Neoliberalen Hightech-Kapitalismus eine Menge Umbrüche. Den männlichen Ernährer mit dem lebenslangen Arbeitsplatz und der Kleinfamilie, Hausfrau und 1 bis 2 Kindern, gibt es fast nicht mehr. Das ist de facto so, wie auch die Gleichberechtigung de facto im Grundgesetz  steht. In der Wirklichkeit hängen die Entwicklungen der Einzelnen historisch der Entwicklung der gesamten Gesellschaft auch hinterher.

Hat sich die Rolle des Mannes also trotz einer veränderten Gesellschaft kaum geändert?
Im gleichen Augenblick, in dem der Herr des Hauses keine ökonomisch gesicherte Potenz mehr hat, wird der sichtbare Haustyrann geboren. Er möchte weiter Herrschaft ausüben, weil es zu seinem Mannsein gehört. Der Begriff weibliche »Mittäterschaft« stammt von Christina Thürmer-Rohr. Ihre Botschaft lautet sehr verknappt: Männer machen die Geschichte, aber Frauen helfen ihnen dabei. Zur Opfer-Täter-Debatte möchte ich darauf verweisen, dass keine Herrschaft möglich ist ohne Zustimmung der Beherrschten, außer sie operiert mit äußerem Zwang und Waffen. Die Unterdrückung der Frauen lässt sich nur erforschen und ändern, wenn man davon ausgeht, dass sie an ihrer eignen Unterdrückung mitarbeiten. Auch sich opfern ist eine Tat.

Im März waren Sie zu Gast beim Frauenplenum und einer Sitzung der Fraktion DIE LINKE. Was ist Ihnen da im Bundestag durch den Kopf gegangen?
Auf das Frauenplenum hatte ich mich gefreut. Leider hatte mein Flieger so viel Verspätung, dass ich zu spät und auch abgehetzt kam. In der verbleibenden Zeit versuchte ich herauszufinden, was diese Frauen planen, vorhaben, worum sie streiten, kurz auch, wie ich nützlich sein könnte mit Erfahrung und Wissen. Ich glaube, dass das nicht gelungen ist. Ich möchte diese Fraktionsfrauen noch einmal treffen, mit mehr Zeit und Themen.

Und in der Fraktionssitzung?
Es hat mir gut gefallen. In der Sitzung der Fraktion wollte ich Luxemburgs Vorschläge für die parlamentarische Arbeit vorstellen. Ich bin fast sicher, dass sie kaum jemand kennt. Luxemburgs Vorstellungen sind vergleichsweise radikal. Sie sieht die linken Abgeordneten im bürgerlichen Parlament quasi zerrissen zwischen der sozialistischen Perspektive und dem bürgerlichen Reformwerk, an dem sie sich beteiligen müssen. Zusätzlich gibt sie ihnen die Aufgabe, das Parlament und die anderen bürgerlichen Errungenschaften vor der ständigen Bedrohung durch die Bürgerlichen (Lauschangriff, Notstandsgesetze u.a.) selbst zu bewahren. Gleichwohl sollten sie darauf hinarbeiten, dass es eine Umwälzung der Gesellschaft und damit eine Verwandlung eben der Errungenschaften in lebendige Möglichkeiten braucht. Aus bürgerlicher Demokratie etwa, die die Bevölkerung nur bei Wahlen beteiligt, soll sozialistische Demokratie werden. Die Bevölkerung (bei Luxemburg heißt es die Massen) soll selbst an der Gestaltung der Gesellschaft fantasievoll und streitend mitwirken. Auch weitere ganz aktuelle Vorschläge zur Bescheidenheit und  zu kritischer Selbstwahrnehmung vorzustellen, war für mich vergnüglich.

Welche Reaktionen der Abgeordneten haben Sie in Erinnerung?
Ich hatte den Eindruck, dass man mir zuhörte. Es gab Anfänge einer Diskussion und das Versprechen, gegeben von Oskar Lafontaine, dass wir die angerissene Thematik einer anderen Zeitpolitik, anderen Arbeitsteilung und erneuerten Demokratie, eingespannt in Geschlechterverhältnisse, bald auf einer eigenen Arbeitstagung diskutieren.  Es ist erst gut drei Monate her, sodass ich noch nicht die Hoffnung aufgebe, dass dies tatsächlich geschieht.

Was erwarten Sie denn von den linken Bundestagsabgeordneten im Berliner Parlament?
Ich erwarte, wie Luxemburg, dass sie alle Fragen der Zeit aufnehmen und in entsprechenden Reformen die Lage der Bevölkerung innerhalb der Gesellschaft zu verbessern suchen. Dabei sollten sie niemals zu viel versprechen, was sie innerhalb des Systems nämlich gar nicht halten können, weil dies zu Enttäuschungen führt und  politikmüde macht. So empfehle ich, dass sie sich nicht auf das Ringen um 4o-, 39,5- oder 38,5-Stunden-Woche einlassen, sondern in jeder Rede eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit begründet fordern. Man darf keine halbherzigen Kompromisse selbst anbieten. »Teilzeitarbeit für alle«, halte ich für eine starke paradoxe und also subversive Losung – etwa für den nächsten 8. März. Für die linken Parlamentarier ist doch jeder Punkt eine Möglichkeit, zum Fenster heraus zu sprechen, also das Volk über die Zusammenhänge aufzuklären. Es könnte allgemein werden. Günstig dafür wäre eine Schule dialektischen Denkens.

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