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Kinder brauchen Kinder

erschienen in Querblick, Ausgabe 4,

Diana Golze fordert für jedes Kind einen Kitaplatz

Montagmorgen, neun Uhr. Ich verabschiede mich von meiner Tochter. Sie stürmt zu ihren Freundinnen und Freunden in der Kindergartengruppe, ich winke noch mal und fahre dann zum Bahnhof, um mich in den Zug gen Bundestag zu setzen. Ich könnte dies nicht ruhigen Gewissens tun, wenn ich nicht wüsste, dass meine Tochter gut aufgehoben ist. Ich weiß, sie wird nicht nur »verwahrt«, sondern gefördert. Sie lernt spielerisch mit Kindern ihres Alters, erlebt jeden Tag neue interessante Dinge. Heute Abend erzählt sie mir bestimmt wieder was von ihrem Hochbeet oder von selbstgebackenen Keksen oder bringt ein Bild mit nach Hause.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf blättere ich in Berlin angekommen die Zeitungen durch und bin immer wieder erstaunt über regelmäßig auftauchende Artikel, in denen man sich den Kopf darüber zerbricht, was denn nun das Beste für die Kinder sei. Da werden Gegensätze aufgemacht, die es so doch in der Realität gar nicht gibt: Mutter oder Krippe, eigene Erziehung oder Fremdbetreuung. Auch als Eltern eines Kindes, das ein Viertel seines Tages in einer Kita verbringt, nehmen mein Mann und ich für uns in Anspruch, unser Kind selbst zu erziehen. Ich gebe meine Verantwortung nicht an der Gruppenzimmertür ab. Auch ich versuche, mein Kind bestmöglich zu versorgen und es entsprechend seinen Bedürfnissen zu fördern. Sechs Stunden am Tag bietet die Kita etwas, das es in Deutschland immer seltener gibt: viele Kinder verschiedenen Alters, mit denen man gemeinsam etwas erleben und lernen kann.

Ich streite dafür, dass jedes Kind ein Recht darauf bekommt, in eine Kindertagesstätte zu gehen, denn Kinder brauchen Kinder. Und sie brauchen eine qualifizierte Förderung. Sie brauchen ausreichende und gut ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher. Sie brauchen ein Umfeld, in dem sie sich wohl fühlen und das ihnen Sicherheit und Anregung bietet. Und dies alles unabhängig davon, ob ihre Eltern erwerbstätig sind oder nicht. Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung für alle Kinder, das ist die Herausforderung. Wir dürfen nicht schon bei den Kleinsten aussortieren und anhand des Geldbeutels der Eltern über die Zukunftschancen der Kinder entscheiden. Natürlich bedeutet das auch eine finanzielle Anstrengung. Das sollten unsere Kinder uns wert sein.

Also lege ich die Zeitungen kopfschüttelnd zur Seite und hoffe darauf, dass PISA-Studien und OECD-Berichte endlich auch in Deutschland die Erkenntnis wachsen lassen: Kinder brauchen mehr!  
Diana Golze, MdB, Kinder- und Jugendpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE.

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