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„KiK muss Forderungen erfüllen“

Von Caren Lay, erschienen in Clara, Ausgabe 36,

Mit einer Gruppe von Bundestagsabgeordneten reiste Caren Lay im April 2015 nach Pakistan. Dort traf sie Überlebende des Textilfabrikbrandes, Angehörige von Opfern und Gewerkschaften. Ihr Reisebericht für clara

„Ich habe mich gefreut, dass sich die Parlamentariergruppe auf meinen Vorschlag hin mit linken Gewerkschaften und Opfern und Angehörigen der Katastrophe in der KiK-Fabrik treffen konnte. Diese Begegnung gehörte zweifellos zu den bewegendsten Momenten meiner Reise. Die Angehörigen der Opfer sind meistens Frauen, die ihren Mann oder Sohn und damit den Haupternährer verloren haben. Für pakistanische Frauen ist es kaum möglich, außerhalb der Heimarbeit einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Viele der Frauen brachen in Tränen aus, wenn sie berichteten, dass sich die Entschädigungsverhandlungen mit KiK bis heute hinziehen. Sie erzählten auch, dass die Türen der Fabrik verschlossen und die Fenster vergittert waren, damit die Arbeiter keine Jeans klauen konnten. So konnten sie dem Feuer nicht entkommen. Die Vorstellung ist entsetzlich. Und dass die Angehörigen und Überlebenden bis heute auf ihr Recht warten müssen, ist beschämend. KiK muss den berechtigten Forderungen endlich nachkommen.

Hoffnung machte mir das Treffen mit dem linken Gewerkschaftsverband NTUF, der eine Gewerkschaft für Frauen in der Heimarbeit und im informellen Sektor gegründet hat. Der Großteil der pakistanischen Wirtschaft findet im informellen Sektor statt. Die NTUF hat uns mit Blumengirlanden und Geschenken empfangen. Eine ausländische Delegation wurde als große Wertschätzung empfunden, denn in Pakistan sind Gewerkschafter Repressionen ausgesetzt.

Die Europäische Union hat die Einfuhrzölle für Pakistan deutlich gesenkt, im Gegenzug mussten die Gesetze im Arbeitsrecht verbessert werden. Das Problem ist jedoch deren Einhaltung und Kontrolle. Staatliche Aufsicht in den Fabriken gibt es so gut wie gar nicht – und wenn, dann nur bei den wenigen registrierten Vorzeigeunternehmen. Die Fabrik, in der wegen des Brands 260 Menschen starben, war sogar zertifiziert – aber von einem Unternehmen, das für Gefälligkeitsgutachten bekannt ist.“

Caren Lay ist stellvertretende Vorsitzende und verbraucherpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

 


Fakten zur Brandkatastrophe
Im Herbst 2012 starben bei einem Brand in einer Textilfabrik des Textilzulieferers Ali Enterprises in Pakistan 260 Arbeiterinnen und Arbeiter. In der Fabrik wurde fast nur für den deutschen Bekleidungskonzern KiK produziert. Überlebende und Angehörige haben sich entschlossen, KiK zu verklagen.

Ursächlich für die Katastrophe waren vermutlich mangelhafte Sicherheitsstandards in der Fabrik in Karatschi, im Süden Pakistans: Notausgänge waren verriegelt, die Fenster vergittert. Außerdem waren leicht entzündliche Textilien unsachgemäß gelagert. Der Hauptabnehmer des pakistanischen Werks war der deutsche Textildiscounter KiK. Mehr als 70 Prozent der Ware wurde für den deutschen Markt produziert.

Zwar hatte KiK nach dem Brand eine Million US-Dollar Soforthilfe an Betroffene und Hinterbliebene gezahlt. Doch die Verhandlungen über Entschädigungen und Schmerzensgeld brachten keine Einigung. Nun haben drei Hinterbliebene und ein früherer Arbeiter der Fabrik sich entschlossen, gegen das deutsche Unternehmen zu klagen. Es wäre nach Auskunft des Deutschen Instituts für Menschenrechte das erste zivilrechtliche Verfahren dieser Art in Deutschland und könnte eine Signalwirkung auf andere Unternehmen haben, die ihre Produkte ebenfalls in Billiglohnländern produzieren lassen.

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