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Kehrseiten des Profits

erschienen in Clara, Ausgabe 4,

Ein britischer Lokführer, eine philippinische Mutter, ein südafrikanischer Aktivist und die Bürger einer bolivianischen Stadt: Sie kämpfen bereits gegen das, was uns auch erwarten könnte: den GROSSEN AUSVERKAUF. Der Regisseur des Films »Der große Ausverkauf«, Florian Opitz, hat fast fünf Jahre an diesem Dokumentarfilm gearbeitet.

Für so ein Thema Geldgeber zu finden, ist sicher nicht einfach. Wie haben Sie das geschafft?

Als wir 2002/2003 Redaktionen in den Fernsehanstalten suchten, die Interesse an dem Film haben könnten, hagelte es zuerst nur Absagen. Als Argument bekamen wir
zu hören, dass der jeweilige Sender bereits einen Film zum Thema Globalisierung gemacht habe und das müsse reichen. Wir hatten das Gefühl, dass man die Globalisierung als Modethema betrachtet hat, das bald wieder verschwindet. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert.

Was hat sie motiviert, trotzdem nicht aufzugeben?

Noch vor fünf Jahren war das Thema Privatisierung wirklich ein Randthema der Gesellschaft, mit dem nur Insider etwas anfangen konnten. Inzwischen ist es immer mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt, so dass jeder damit etwas verbinden kann, und wenn es nur die ständig steigenden Stromrechnungen der vier großen Energieunternehmen sind. Wir wollten einen Film machen, der nicht nur die Perspektive derjenigen zeigt, denen die Privatisierung klar nutzt, sondern die Aufmerksamkeit auf jene richten, die davon in allen Teilen der Welt betroffen sind.

Sie haben sich in Ihrem Film ausschließlich den Menschen zugewandt, die von den Folgen der Privatisierung betroffen sind. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten sich dem Thema nur einseitig genähert und nicht Argumente von Leuten aus der
Wirtschaft berücksichtigt?

Bislang gab es keinen einzigen Film dieser Art, in dem sich Leute äußern konnten, die von den Auswirkungen der Privatisierung betroffen waren. Wir haben lange
und ausführlich recherchiert - in etwa
100 internationalen Zeitungen der letzten 50 Jahre recherchiert - und nicht einen Artikel gefunden, in dem die Konsequenzen der Privatisierung auf die Bevölkerung eine Rolle spielte. Das war lange ein blinder Fleck bei den Medien. Allerdings wollte ich zusätzlich unbedingt auch jene Leute, die die Privatisierung vorantreiben, vor die Kamera bekommen. Konzernlenker und Vertreter internationaler Finanzinstitutionen wie z.B. des IWF. Wir hatten in fast fünf Jahren allerdings größte Schwierigkeiten, weil kaum jemand sich dazu offen äußern wollte. Verabredete Interviews mit Vertretern von IWF und Weltbank sind kurzfristig abgesagt
worden. Zur Begründung hieß es plötzlich in Washington, ich sei eine gefährliche Person. Es war also nicht das Schwierigste, in Soweto in Südafrika oder im
Slum auf den Philippinen zu drehen, sondern Menschen in den Hauptstädten dieser Welt vor die Kamera zu bekommen, die als Vertreter von Firmen oder Verbänden dazu Stellung nehmen wollten, warum sie die Privatisierung für ein geeignetes wirtschaftspolitisches Mittel halten.

Warum gibt es im Film keine Fallbeispiele au Deutschland?

Wir hatten 2003 verschiedene Beispiele aus Deutschland recherchiert. Allerdings war die Privatisierung zu dieser Zeit hier noch nicht so weit vorangeschritten wie in anderen Ländern. Hier hätten wir höchstens ein paar Verträge abfilmen können. Die Ergebnisse der Privatisierungen sind aber oft erst nach Jahren wirklich zu greifen. Der Blick in andere Länder war in dieser Hinsicht also ein Blick in die deutsche Zukunft. Wir wollten die Bevölkerung eben sensibilisieren, genau hinzusehen und zu fragen, was passiert denn, wenn wir beispielsweise keinen direkten Zugang zum Wasser mehr haben. Da sind die im Film gezeigten Beispiel in ihren sichtbaren Auswirkungen deutlicher, als es hierzulande bereits zu beobachten wäre.

Wie wurde der Film bislang aufgenommen?

Überall, wo der Film bislang gelaufen ist, sind die Besucher im Kino sitzen geblieben und haben sehr lange Fragen gestellt und diskutiert. Egal ob in Hongkong, Schweden, Chicago oder Stuttgart. Es schien, als könnte jeder Zuschauer den Transfer von den im Film erzählten Geschichten aus verschiedenen Kontinenten zu seiner eigenen Situation problemlos herstellen. Da habe ich gespürt, dass sich der Aufwand und die Risiken beim Recherchieren und Drehen gelohnt haben.

Das Gespräch führten Frank Schwarz und Steffen Twardowski

»Der große Ausverkauf«
D 2007, 94 Minuten. Regie: Florian Opitz
Infos unter: www.dergrosseausverkauf.de

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