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Karrierekick statt Karriereknick

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

Interview mit Klaus Ernst, stellvertretendem Vorsitzenden der Fraktion DIE LINKE, über familienfreundliche Arbeitswelten, Kinderbetreuungs-plätze und

Rechtsansprüche zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Kinder sind hierzulande noch immer
ein Hinderungsgrund für berufstätige Frauen. Welche Vorstellungen hat DIE LINKE, Frauen und Männer beruflich gleichzustellen?

Unser Klientel ist nicht die Hauptabteilungsleiterin bei Daimler Chrysler - die kriegt die Kinderbetreuung selber hin. Uns interessieren die Arbeitnehmerinnen, die unsere Unterstützung brauchen. Wir müssen die Verhältnisse so gestalten, dass sie ihren Beruf nicht aufgrund von Kindern aufgeben müssen. Arbeitszeiten können und müssen so geregelt werden, dass sie familienkompatibel sind. Wir wollen dafür sorgen, dass Leiharbeit und Befristungen zurückgenom-men werden, denn wie sollen junge Leute Familien gründen, wenn sie nicht wissen, ob sie in vier Wochen noch Arbeit haben.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollte ein ureigenes Thema der Gewerkschaften sein. Warum haben auch die Arbeitnehmervertretungen das Thema erst so spät entdeckt?

Es war ein »Frauenthema«, weil die klassische Rollenverteilung in der Bundesrepublik zementiert war. Die Gewerkschaften konzentrierten sich auf andere Schwerpunkte, vor allem auf die Arbeitszeitverkürzung. Jetzt, wo Großbetriebe dringend Fachkräfte suchen und mit sozialen Standortvorteilen wie Betriebskindergärten werben, wird es auch für die Arbeitnehmervertretungen bedeutsam. Um diese Situation konstruktiv für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verändern, wollen wir die Gewerkschaften unterstützen.

Die Bundesregierung setzt auf private Initiativen der Wirtschaft, schreibt Wettbewerbe aus. Sind freiwillige Aktivitäten noch zeitgemäß?

Es gibt tatsächlich freiwillige Initiativen von Großbetrieben, die auch von den Gewerkschaften unterstützt werden, aber sie reichen nicht. Wir wollen Rechtsansprüche für Frauen und Männer schaffen, die die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf ermöglichen. Das gilt für das Recht
auf Teilzeitbeschäftigung, Weiterbildung, Rückkehr nach der Elternzeit auf einen gleichwertigen Arbeitsplatz und vor allem auf flexible Arbeitszeiten, die den Bedürfnissen der Eltern entsprechen. Hier gilt es nicht nur, Rechtsansprüche auszubauen, sondern sie insbesondere auch in die Realität, also in den Betrieben, umzusetzen. Dafür können auch tarifvertragliche Vereinbarungen für zum Beispiel den An-spruch auf Weiterbildung genutzt werden.

Selbst Arbeitgeberverbände fordern Betreuungsangebote und Investitionen in frühkindliche Bildung durch den Staat, wirtschaftliches Kalkül oder Sinneswandel?

Den Sinneswandel der Arbeitgeber gibt es nicht. Es geht uns als LINKE, anders als der Wirtschaft, eben nicht darum, die Familien für die Anforderungen eines globalen, flexiblen Arbeitsmarktes »fit zu machen« - also 24 Stunden mobil zu sein, ohne Rücksicht auf Familien. Wir wollen, dass
die Vereinbarkeit von Familie und Beruf tatsächlich lebbar wird. Dafür müssen sich auch die Arbeitgeber finanziell beteiligen, zum Beispiel für den Ausbau einer gebührenfreien Kinderbetreuung und Weiterbildungsmöglichkeiten nach der Elternzeit. Ohne
eine gesetzlich verankerte Pflicht für die Betriebe zur Gleichstellung von Männern und Frauen, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, wird sich an der momentanen Situation nichts ändern. Egal, wer derzeit wegen der Kinder zu Hause bleibt, es ist immer ein Karriereknick.

Wann ist Deutschland reif, eine familienfreundliche Arbeitswelt zu etablieren?

Realistisch gesehen ist unser Ziel - ähnlich wie beim Mindestlohn - eine Debatte anzustoßen, damit sich endlich auch die anderen konkurrierenden Parteien damit beschäftigen. Wir müssen den Arbeitgebern einen deutlich größeren Beitrag abringen, um eine familienfreundliche Berufswelt
zu schaffen. Und wir wollen die Gewerkschaften unterstützen, das Thema in der Gesellschaft zu verankern, dann wird es auch mehrheitsfähig.

Das Gespräch führte Marion Heinrich.

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