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Käfighaltung im Callcenter

erschienen in Klar, Ausgabe 19,

Die Callcenter-Branche boomt und kassiert hohe Profite, weil sie die Beschäftigten ausbeutet.

In Deutschland arbeiten mehr als eine halbe Million Menschen in einem von insgesamt 6700 Callcentern. Callcenter gelten als Wachstumsbranche, in die im vergangenen Jahr knapp 19 Millionen Euro Wirtschaftsförderung flossen. Die Gewinne der Branche stiegen in den vergangenen zehn Jahren um jährlich 13 Prozent, die durchschnittliche Gesamtkapitalrendite liegt bei sagenhaften 20 Prozent.

Diejenigen, die solche Traumrenditen erwirtschaften, haben davon nichts oder nur wenig. Mehr als 60 Prozent brauchen zum Überleben einen Zweitjob oder müssen trotz der harten Arbeit staatliche Unterstützungsleistungen beantragen. Ihre Löhne stagnierten in den vergangenen drei Jahren.

In den unteren Lohngruppen, denen etwa die Hälfte aller Arbeitnehmerinnen und -nehmer angehört, sanken sie um bis zu 7,4 Prozent. In Schwerin beispielsweise liegt der Grundstundenlohn bei 4,10 Euro.

83 Prozent der Callcenter-Mitarbeiter bewerten laut einer Befragung der Gewerkschaft ver.di ihren Job als „schlechte Arbeit“. Ihre Arbeitsbedingungen beschreiben viele der Beschäftigten als „moderne Käfighaltung“ – bei der S Direkt in Halle beispielsweise beträgt die Arbeitsfläche der Mitarbeiter zwischen 3,1 und 3,6 Quadratmetern. Zum Vergleich: Einer Biolegehenne stehen vier Quadratmeter zu.

Befristete Verträge sind in vielen Unternehmen die Regel. Schichtsysteme und häufige Überstunden lassen kaum Möglichkeit, Familienleben zu planen. Verdeckte Testanrufe und das Mithören aller Gespräche dienen der permanenten Überwachung. Noch immer ist es üblich, dass Beschäftigte Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes haben, wenn sie zwischendurch nur mal auf die Toilette gehen.


Anika Schmidt, Betriebsrätin bei der S Direkt-Markting, Niederlassung Laatzen (Niedersachsen):
„Wir gehören seit dem 1. Oktober 2004 zur S Direkt Halle. Hier in Laatzen waren wir mal 130 Leute, heute sind wir noch 50. Vor der Übernahme waren unsere Arbeitsbedingungen gut und wir haben darum gekämpft, sie zu behalten. Obwohl bei uns 60 Prozent der Leute gewerkschaftlich organisiert sind, mussten wir hinnehmen, dass der Lohn sank und die Arbeitszeit stieg. Noch sind die Beschäftigten in Laatzen besser dran als ihre Kollegen in Halle. Dort bekommen einige Beschäftigte nur 5,15 Euro pro Stunde. Dort herrschen Arbeitsbedingungen, da kann man schon von Käfighaltung sprechen – die Mitarbeiter sitzen auf engstem Raum.“

Carsten Buschmann, Betriebsrat bei Walter Services GmbH Ettlingen, Standort Emden (Niedersachsen):
„90 Leute arbeiten hier in Emden. Wir waren mal ›Quelle‹ und sind von Walter Services übernommen worden. Es ist das einzige Unternehmen der Branche mit einem Tarifvertrag. Dieser gilt aber nicht für uns, weil wir zwar zugekauft wurden, aber ausgegliedert sind. Lohndrückerei durch Zukauf und Ausgliederung ist üblich in der Branche. Hier in Emden arbeiten die Leute für 6,11 Euro die Stunde. An den anderen Standorten kriegen sie 7,60 Euro. In dieser Branche etwas für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durchzusetzen, ist ein Häuserkampf: Mit jedem Unternehmen muss einzeln verhandelt werden, weil es keinen Arbeitgeberverband gibt.“
 

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