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Jung und erfahren

Von Norbert Müller, erschienen in Clara, Ausgabe 35,

 

Norbert Müller rückte für Diana Golze in den Bundestag nach, als sie im November 2014 Ministerin in Brandenburg wurde. Obgleich einer der Jüngsten im Parlament, hat er politisch bereits viel erlebt.

 

 

 

Die Nachricht ist kurz, gerade einmal 85 Zeichen lang. Aber im Juni 2014 wird sie den bis dahin weitgehend unbekannten Landtagsabgeordneten Norbert Müller ins grelle Scheinwerferlicht der deutschen Medien katapultieren. "Mancher bleibt sich treu. Andere werden Bundespräsident und widerliche Kriegshetzer" – so kommentiert er in einem sozialen Netzwerk einen Zeitungsartikel, der darüber berichtete, dass ostdeutsche Pfarrer Bundespräsident Joachim Gauck vorwerfen, der oberste Mann im Staat rede neuen Kampfeinsätzen der Bundeswehr das Wort.    Kaum ist die kurze Nachricht getippt und veröffentlicht, berichten TV-Stationen, Nachrichtenmagazine, Tageszeitungen. In Online-Foren wird die knappe Aussage hundertfach geteilt, kommentiert, kritisiert. Selbst der Deutsche Bundestag debattiert über den Kommentar des jungen Mannes, der erst ein Jahr zuvor als Nachrücker Mitglied des Brandenburger Landtags geworden war.    "Der Medienrummel hat mich überrollt, mir wurde schon ganz schön mulmig. Aus heutiger Sicht würde ich es anders formulieren. Aber der Kern der Kritik – Joachim Gauck redet dem Krieg das Wort – bleibt richtig."    Wenige Monate später, im Herbst 2014, beteiligt sich Norbert Müller als stellvertretender Landesvorsitzender an den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und der LINKEN in Brandenburg – mit Erfolg: Kurz darauf steht die Fortsetzung der rot-roten Landesregierung fest. Neue Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie soll Diana Golze werden, bisher Bundestagsabgeordnete mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendpolitik. Dass er für sie ins Parlament nachrücken wird, erfährt Norbert Müller am Telefon.   "Meine Frau hatte gerade unser zweites Kind geboren. Und jetzt Bundestagsabgeordneter? Da war ich erst einmal geschockt, sehr nervös."    Nur wenige Tage nach diesem Anruf bezieht er sein neues Büro in Berlin, das er von Diana Golze übernommen hat. Eine Mitarbeiterin drückt ihm eine Mappe in die Hand mit einem detaillierten Ablaufplan für die nächsten Tage: politische Tagungen, Mitarbeiterbesprechungen, Vertragsverhandlungen. Die Fraktion DIE LINKE ernennt ihn zum Sprecher für Kinder- und Jugendpolitik. Mitglied wird er außerdem im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie in der Kinderkommission.   "Am Anfang war alles zu viel für mich. So viele Terminanfragen, so viele Sitzungen. Zum Glück ist das Büro sehr gut organisiert – so gut, dass ich als Abgeordneter manchmal denke, ich störe nur."   In der allerersten Woche als Bundestagsabgeordneter tritt er bereits in die Mitte des Plenums im Bundestag, um seine erste Rede zu halten. Er wirkt abgeklärt, die Stimme ist fest, als er einen Antrag der Grünen zur UN-Kinderrechtskonvention kommentiert.   "Ich war sehr aufgeregt. Der Raum ist riesig, blau und kalt und irgendwie einschüchternd. Normalerweise spreche ich frei, ohne Manuskript. Dieses Mal hatte ich mir zur Sicherheit alles aufgeschrieben."    Mehr als die Hälfte seines Lebens hat sich Norbert Müller (verheiratet, Vater zweier Kinder) in politischen Organisationen engagiert: Mit 13 Jahren kam er zum linken Jugendverband [’solid], wenig später, zu seinem 16. Geburtstag tritt er auch der PDS bei, eine der Vorgängerinnen der Partei DIE LINKE. Zunächst wirkt er vor allem im Jugendverband. Das ändert sich einige Jahre später, als es im Jahr 2005 zu vorgezogenen Neuwahlen kommt und sich die Partei DIE LINKE formiert.   "Das fand ich wahnsinnig gut: eine gesamtdeutsche linke Partei, die es in den Bundestag schaffen kann. Sobald klar war, da passiert was, haben wir bei [’solid] mit der Vorbereitung des Jugendwahlkampfs begonnen."   Seit ein paar Wochen gehört Norbert Müller nun selbst dem Deutschen Bundestag an – als einer der fünf jüngsten Abgeordneten überhaupt.

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