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Immer ein Stückchen weiter nach links

erschienen in Clara, Ausgabe 10,

Viele kennen das Schwarzwaldstädtchen Calw als Standort des BundeswehrKommandos Spezialkräfte (KSK) und als Geburtsort des Schriftstellers Hermann Hesse. Hier wohnt Hans Bay seit fast 70 Jahren in einem restaurierten Fachwerkhaus. Hier traf ihn Ulrich Maurer, parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag. Beide kennen sich seit langem, beide waren SPD-Parlamentarier, und beide sind aus Protest gegen die Agenda 2010 und die Außen- und Militärpolitik der SPD in die Partei DIE LINKE eingetreten.
Als der junge Stuttgarter Juso-Vorsitzende Ulrich Maurer Anfang der 70er Jahre im Calwer Gasthaus »Rössle« einen Vortrag hielt, war der SPD-Kreisvorsitzende Hans Bay bereits Abgeordneter des Bundestages. Bay erinnert sich noch gut an Maurers damalige Aussage, Politik dürfe nicht so »bierernst« betrieben werden und müsse »auch ein bisschen Spaß machen«. Dies gefiel ihm auf Anhieb. Dass diese Sympathie noch hellwach ist, wurde deutlich, als sich beide nach Jahren wiedersahen und viel zu erzählen hatten.

Hans Bay wurde 1913, im selben Jahr wie Willy Brandt, geboren, den er 1969 im Parlament mit zum Kanzler wählte. Anders als Brandt wuchs Hans Bay nicht in der Arbeiterbewegung auf, sondern in einem christlich-konservativen Um-feld in Württemberg. Kriegsteilnahme und Gefangenschaft veränderten seine Weltanschauung und sein Leben völlig. Am wichtigsten sei für ihn gewesen, »dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte«, bekennt Bay, der sich bis heute in der Friedensbewegung engagiert.

Als Anfang der 50er Jahre der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann im Konflikt um die Wiederbewaffnung mit der CDU brach und die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP) gründete, war Hans Bay dabei. Im Nordschwarzwald trommelte er mit einem Dutzend engagierter Mitstreiter für die GVP und galt als »christlicher Kommunist«. Bei der Landtagswahl 1956 kam die GVP in der Region auf rund 15 Prozent. Doch 1957 ging sie weitgehend in der SPD auf. Ein halbes Leben lang war die SPD seine Heimat. Doch das sollte sich ab den 1990er Jahren stark ändern. Ende 2004 verließ er die Partei, »weil ich Hartz IV nicht unterstützen konnte und meine Ziele dort angesichts der zunehmenden Militarisierung nicht mehr wiedererkannte«. Als sich 2005 die Chance einer gesamtdeutschen Linken eröffnete, wurde er Mitglied und begrüßte den Einzug der Linken in den Bundestag aus vollem Herzen.
Hans Bay blickt nach vorn und richtet an seine Partei hohe Erwartungen. »Wie können wir verhindern, dass DIE LINKE in einen Sog gerät und dem Anpassungsdruck nachgibt?«, will er von Ulrich Maurer wissen.

Hoffnungen eines 95-Jährigen

»Der Kapitalismus ist ein korrumpierendes System«, erklärt dieser und verweist auf die Entwicklung der Grünen. »Die Mehrheit der Delegierten auf Parteitagen sind Abgeordnete und ihre Mitarbeiter. Sie bilden die Mitglieder in keiner Weise mehr ab«, kritisiert Ulrich Maurer die heutigen Zustände in der SPD. Als einzige Bundestagspartei empfange DIE LINKE keine Spenden von der Industrie oder dem Allianz-Versicherungskonzern. »Darauf sind wir stolz. Wenn die Allianz uns Geld anbieten würde, hätten wir etwas falsch gemacht«, fügt er hinzu. Die politische Macht müsse bei den Mitgliedern liegen. Mitgliederentscheide seien sehr wichtig. Auch Hans Bay legt hohe Maßstäbe an: »DIE LINKE muss politisch einen anderen Stil entwickeln, damit die innerparteiliche Demokratie von unten nicht abgewürgt wird.« Zudem müsse die Menschlichkeit sichtbar sein. Dazu gehöre auch, »dass man Fehler zugibt und wirklich offen ist für neue Entwicklungen«.
Als Friedensaktivist, der bis vor wenigen Jahren noch regionale Ostermärsche eröffnete, lehnt Hans Bay Auslandseinsätze der Bundeswehr ab und kritisiert »imperiales Denken«. »Der Afghanistan-Krieg ist ähnlich bodenlos wie die Finanzkrise«, erklärt der rüstige Senior: Die von Willy Brandt geforderte Politik der »Compassion«, des Mitgefühls mit den Leidenden, die man nicht kennt, fehle den heutigen Regierenden. Umso mehr komme es auf die Glaubwürdigkeit der LINKEN als Antikriegspartei an: »Das ist das höchste Gut unserer Partei.«
Als er die Losung der Bundestagsfraktion »Raus auf Afghanistan« hörte, traute Hans Bay dem Slogan nicht so recht. Er wollte wissen, ob sich dahinter ein klares Konzept verbirgt. So erkundigte er sich bei der Fraktion nach Lösungsansätzen für das Problem Opiumanbau, von dem viele afghanische Bauern abhängig sind. Er bekam eine ausführliche Antwort der Abgeordneten Heike Hänsel. »Afghanistan eine Chance für legalen, lizenzierten Mohnanbau geben - Drogenmafia wirksam bekämpfen«, hieß es in einem Antrag der Linksfraktion, den Bay mit Interesse las. »Seither weiß ich, dass es die Fraktion mit dieser Parole ernst meint«, erklärt er zufrieden.

Zeitzeuge der Weltwirtschaftskrise
Dass Ulrich Maurer und Hans Bay auch auf die Weltwirtschaftskrise von 1929 zu sprechen kommen, liegt auf der Hand. Hans Bay lebte damals noch wohlbehütet im württembergischen Elternhaus und wurde später Heilpraktiker. Sein Vetter jedoch fand als ausgebildeter Ingenieur keine Anstellung. Nur die Ehe mit einer Bauerntochter verhinder-te, dass er und seine Familie hungern mussten. Damals gab es in Württemberg noch zahlreiche Kleinbauern. Die Nähe zur Landwirtschaft war für viele Menschen eine Überlebensfrage. Mittlerweile haben sich die meisten bäuerlichen Kleinbetriebe aufgelöst. Die vielen Landwirte, bei denen sich hungernde Städter im Tauschhandel Lebensmittel besorgen konnten, gibt es heute nicht mehr. Ulrich Maurer zieht Parallelen und warnt seit Monaten unermüdlich vor dem größten Wirtschaftseinbruch seit 1929. Dass die Rezession nun auch auf bisher gesunde Betriebe übergreift, kommt für ihn nicht überraschend. »Frau Merkel weiß offensichtlich nicht, was los ist, denn sonst hätte sie nicht Hans Tietmeyer für den Posten vorge-schlagen«, kommentiert Bay die für die Kanzlerin peinliche Tatsache, dass sie mit dem Ex-Bundesbankchef ausgerechnet einen Aufsichtsrat der mit Steuergeldern geretteten Hypo Real Estate Bank für die Finanzmarkt-Beratergruppe nominieren wollte. »Diesen Eindruck habe ich auch«, stimmt Ulrich Maurer zu. Der von Merkel an Tietmeyers Stelle eingesetzte Ex-Chefvolkswirt der Bundesbank, Otmar Issing, sei allerdings »ein direkter Nachfolger von Heinrich Brüning«. Denn wie der ehemalige Reichskanzler vertrete Issing die Auffassung, in der Krise dürfe man nicht gegensteuern und müsse eisern sparen, warnt der Abgeordnete. Ulrich Maurer und Hans Bay wäre der Gesprächsstoff nicht ausgegangen. Viel hätten sie sich noch zu erzählen gehabt, wenn nicht der nächste Termin das Ende des Gesprächs angemahnt hätte. Hans Bay ist geistig wendig geblieben. Deshalb hofft er, bald wieder Besuch zu bekommen. »Noch heute lerne ich. Ich habe im Leben meinen eigenen Weg gefunden und bin immer ein Stückchen weiter nach links geraten.«

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