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Ich werde im Alter arm sein und mit mir Millionen anderer Menschen

erschienen in Clara, Ausgabe 9,

Wir werden mit 65, 67, 69 Jahren arbeiten müssen, nicht »just for fun«, sondern um etwas dazuzuverdienen. Wir, die wir heute zwischen 40 und 55 Jahren und älter sind, werden irgendeinen schlecht bezahlten Hilfsjob machen müssen, um unsere Miete weiter zahlen zu können und ein warmes Essen auf den Tisch zu bringen. Ansonsten bleibt uns die Grundsicherung zur Rente und damit amtliche Kontrolle bis ans Lebensende. Schöne Aussichten! Haben wir uns das jemals vorstellen können, als wir nach Ausbildung oder Studium ins Berufsleben eintraten und regelmäßig jeden Monat Sozialabgaben für eine verlässliche Rente vom Staat einbehalten wurden. Altersarmut wird auch mich treffen, obwohl ich seit meinem 17. Lebensjahr arbeite.
Ich bin Krankenschwester. Ein Beruf mit hoher menschlicher, sozialer und fachlicher Verantwortung, in dem man nicht gerade reich wird. Ich konnte nie besonders viel sparen, aber für ein kleines Auto, eine Urlaubsreise, ein Konzert war immer etwas übrig. Anfang der 90er Jahre, mit 40, bin ich nicht mehr so leistungsfähig, meine Schultern schmerzen, wenn ich schwerkranke Menschen allein im Bett wenden muss. Warum allein? Eine politische Entscheidung der bürgerlichen Parteien, im Gesundheitsbereich ohne Sinn und Verstand zu sparen. Das spüren meine Kollegen und ich hautnah am eigenen Körper. Ich beantrage eine berufliche Weiterbildung, die abgelehnt wird. Dann kommen Jahre einer familiären Pflegebegleitung, die es mir nur noch erlauben, stundenweise zu arbeiten. Ich bilde mich auf eigene Kosten weiter, ergänze mein medizinisches Wissen, um mich selbstständig zu machen, aber man braucht einen langen Atem und das nötige Kleingeld, um die erste Zeit zu überstehen. Ich schaffe es nicht, gebe die neueingerichtete Praxis auf, bin traurig und finanziell am Ende. Nun folgen Jahre voller Unruhe. Wir ziehen häufig um, immer einer Arbeit hinterher, um unabhängig von staatlichen Leistungen zu bleiben. Dann 2005 eine zweite Pflegebegleitung in der Familie und Hartz IV. Vorerst das Ende eines selbst- bestimmten Lebens. Mit 351 Euro im Monat kommt man vielleicht ein paar Monate zurecht, aber nicht Jahre oder lebenslang. Mein Rentenkonto sinkt mit jedem Monat, den ich nicht arbeiten kann. Über die Vorschläge wohlsituierter Politiker, es sei an der Zeit, sich selbst Rücklagen für das Alter zu schaffen, kann ich nur müde lächeln. Wie bitte schön soll ich von 351 Euro private Vorsorge betreiben? Ich möchte eine klare politische Entscheidung. Ich möchte, dass mein Lebensarbeitswerk wertgeschätzt wird und ich für die vielen, vielen tausend Arbeitsstunden, die ich in meinem Leben geleistet habe, einen fairen Gegenwert erhalte. Ich möchte auch im Alter leben, mich gut ernähren, Freunde treffen, meine Miete selbst zahlen und wenn ich Pflege brauche, eine menschenwürdige Versorgung erhalten. Ich finde, Staat und Politik sollen die Menschen schützen und jedem eine verlässliche Rente oder ein Grundeinkommen zahlen. Kein Geld da für solche Sozialutopien? Oh doch, es ist sogar sehr viel mehr Geld da, nur leider schlecht verwaltet und verteilt. Inzwischen arbeite ich wieder teilzeitig und wenn ich mein Brutto und mein Netto anschaue, dann wird meine Befürch-tung zu realer Existenzangst. Ich werde im Alter arm sein - ebenso wie Millionen Menschen, deren Erwerbsbiografie unterbrochen ist durch Kinder, pflegebedürftige Angehörige, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Schwerbehinderung oder eben einfach menschliche Schicksalsschläge. Wer bleibt da eigentlich noch übrig?

Volker Schneider Rentenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE:

Sicher, die Rentner leiden unter der aktuellen Politik. Nullrunden oder Minimalst-»Erhöhungen«, steigende Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge, die Inflation, das alles lässt den Lebensstandard deutlich sinken. Real haben Rentner seit 2004 zehn Prozent weniger in der Tasche. Und dennoch, künftige Generationen werden von dem jetzigen Sicherungsniveau nur noch träumen können. Evelyn Raecke ist dabei kein bedauerlicher Einzelfall. Armut im Alter droht nicht nur bei prekärer Beschäftigung und/oder unterbrochenen Erwerbsbiografien. Armut im Alter droht künftig auch denen, die ihr Leben lang ununterbrochen gearbeitet haben. Wer heute mit 20 nach einer Lehre als Facharbeiter beginnt und im Laufe seines Lebens im Schnitt immer 75 Prozent des Durchschnittslohns verdient, das wären aktuell rund 1900 Euro brutto,
der hat nach 45 Jahren im Westen gerade einmal eine Rente auf Grundsicherungsniveau zu erwarten, und deshalb kämpft
DIE LINKE für eine Stärkung der Gesetzlichen Rentenversicherung und gegen
die Privatisierung der Altersvorsorge.

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