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„Ich schaue nicht in den Spiegel“

erschienen in Klar, Ausgabe 29,

Klar-Exklusivinterview mit dem Schriftsteller und Übersetzer Harry Rowohlt.

Den Schriftsteller und Übersetzer Harry Rowohlt beim Vorlesen zu erleben, ist eine Mischung aus Komik, Übertreibung, Scharfsinn und zuweilen Genialität. Im Klar-Interview spricht er über frustrierende Kneipenbesuche, lästige Handynutzer im Bus und darüber, warum er DIE LINKE wählt.

Die Liste der von Ihnen übersetzten Bücher ist lang. Wonach wählen Sie aus?
Harry Rowohlt: Ich lese die ersten zwei Seiten und weiß mich so mit dem Schriftsteller William Faulkner einig, der sagte, man müsse den ersten Satz so schreiben, dass der Leser sofort den zweiten Satz lesen will. Wenn mich also der Autor nicht auf den ersten zwei Seiten zu fesseln vermag, wird ihm das auf den restlichen 800000 Seiten auch nicht gelingen.

Gibt es besondere Vorlieben bei den Themen der Bücher, die Sie übersetzen?
Ich übersetze nur Belletristik, alles andere nicht. Ich nutze noch eine alte Schreibmaschine, weil ich für einen Computer zu doof bin, aber nicht aus ideologischen Gründen. Ich hab auch kein Handy, weil ich nicht blöd genug bin.

Also auch keine Autobiografien? Derzeit ist ja jene von Mark Twain in aller Munde. Hätten Sie die auch gern übersetzt?
Ja, aber dafür bin ich zu alt. Die ist 30000 Seiten lang, da weiß ich nicht, ob ich das Ende noch erfahre.

Sie sollen ein enthusiastischer Kneipengänger sein.
Das war bis zum 26. Juli 2007 so. Seitdem schiebe ich stramme Äthanol-Karenz, weil ich Polyneuropathie, abgestorbene Nerven, habe. Erst bin ich immer noch aus Gewohnheit in die Kneipe gegangen. Aber irgendwann war ich es leid, der Menschheit zu zeigen, wie viel Liter Apfelschorle ein Mann am Abend verträgt. Die anderen werden immer besoffener und dümmer, da gehe ich dann lieber wieder arbeiten.

Sie haben von sich behauptet: „Ich bin nicht eitel, aber sehr, sehr gut“.
Ja, das stimmt. Ich interessiere mich auch nicht besonders für mich selbst. Ich hatte mal Gelbsucht. Das habe ich monatelang nicht bemerkt, weil ich nicht in den Spiegel schaue. Brauche ich ja auch nicht, da ich mich nicht rasiere.

Was unterscheidet Sie noch von anderen Menschen?
Ich laufe nicht geradeaus, sondern in Schlangenlinien. Nicht, weil ich besoffen bin, sondern weil ich den anderen ausweichen will. Ich bin kein Drängler, sondern ein Schlängler.

Ihnen wird in Alltagssituationen eine scharfzüngige Reaktion nachgesagt. Ist so der legendäre Handy-Spruch entstanden?
Ja, das war eine meiner Erfindungen. Wenn jemand in Bus oder Bahn laut telefoniert und damit nervt, krieche ich ganz dicht an sein Handy und sage laut und deutlich „Komm zurück ins Bett, mir ist kalt“.

Wenn man Interviews mit Ihnen liest, beschleicht einen der Gedanke, dass Sie oft in Lauerstellung auf blöde Fragen verharren. Was würden Sie denn gefragt werden wollen, um richtig entzückt zu sein?
Vor vielen Jahren hatte mir eine Journalistin die bisher einzige wirklich gute Frage gestellt.

Und die lautete?
Inwieweit meine Übersetzungen autobiografisch seien. Klingt erst mal dämlich, ist es aber nicht, weil man im Laufe des Lebens auch einen eigenen Wortschatz anspart, mit dem man arbeiten muss.

Sie bezeichnen sich als Linker, sind oder waren Mitglied der SPD. Inwieweit passt das noch zusammen?
In die SPD trat ich 1972 im Affekt ein. Nach vier Monaten habe ich aber festgestellt, dass ich da falsch war. Die damalige PDS oder jetzige Partei DIE LINKE gab es ja noch nicht. So wurde ich wohl eine der vielen Karteileichen, die nur wegen Willy Brandt in die SPD eingetreten waren.

Wie ist das heute?
Als Willy Brandt Kanzler wurde, sagte er: „Jetzt hat Hitler verloren.“ Da war ich noch nicht so überzeugt. Aber als Stefan Heym als Alterspräsident des Bundestages seine Jungfernrede hielt und mit Gregor Gysi der reinkarnierte Kurt Tucholsky ins Parlament einzog, dachte ich: „Jetzt kann Hitler endgültig einpacken.“ Ich bin politischer Endverbraucher und wähle mit großer Inbrunst DIE LINKE. Bei Wahlen gehe ich immer als einer der ersten zur Urne. Das nennt man wohl senile Bettflucht.

Interview: Frank Schwarz

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