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»Ich muss auf vieles verzichten«

erschienen in Klar, Ausgabe 25,

Höhere Regelsätze sind dringend nötig – das zeigt der Alltag Betroffener.

Marie Gärtner (Name von der Redaktion geändert) sagt, sie gehe nur mit einer vorgeschriebenen Einkaufsliste in den Supermarkt. Sie schaut genau auf die Preise, die beiden Söhne nimmt sie nicht mit. »Ich ertrage die großen Augen nicht mehr«, sagt sie. »Immer muss ich bei Extrawünschen nein sagen«. Ihr älterer Sohn geht in die Schule, der jüngere besucht den Kindergarten.

Am Monatsbeginn bekommt die alleinerziehende Mutter ihren Hartz-IV-Regelsatz überwiesen. Dazu die beiden Halbwaisenrenten für die Kinder. Zusammen macht das 1023 Euro. Aber schon am selben Tag gehen 370 Euro für die Miete weg, 105 Euro für Versicherungen, dazu Strom-, Telefon- und Kitakosten. Am Ende bleiben 450 Euro. Für Essen und Trinken, für Kleidung, für Seife und Zahnpasta, für die tausend kleinen Dinge im Alltag.

Wie teilt sie das wenige über die vielen Tage im Monat ein? »Ich spare bei mir«, sagt Marie Gärtner. »Für mich persönlich gebe ich nichts aus. Kein Kino, keine Klamotten. Schuhe kaufe ich nur, wenn sie komplett abgenutzt sind.«

Bei Bärbel Wischnewski klingt das ähnlich. »Ich hab’ Essen auf dem Tisch, ein Bett, ein Dach überm Kopf, alles andere fällt weg«, erzählt die 55-jährige Berlinerin. Sie war es gewohnt, immer ihr eigenes Geld zu verdienen. Als Bekleidungsfacharbeiterin, dann als Bürofachfrau. Sie managte das Büro eines Malergroßhandels genauso wie das einer Gebäudereinigungsfirma. Zuletzt arbeitete sie in einem Frauenzentrum – ein sozialversicherungspflichtiger, öffentlich geförderter Job.

Als dann das rot-rote Projekt des öffentlichen Beschäftigungssektors von der Großen Koalition in Berlin abgeschafft wurde, fiel Bärbel Wischnewski in Hartz IV. Das war vor sechs Monaten. Mit dem Mietzuschuss erhält sie jetzt monatlich 707 Euro. Abzüglich Miete bleiben 350 Euro. Nicht nur Strom, Telefon und Lebensversicherung müssen davon bezahlt werden.

»Ich warte jedes Wochenende auf die Prospekte und gehe dann nur nach billigen Angeboten einkaufen«, fasst Bärbel Wischnewski ihre Monatsplanung zusammen. »Es gibt nichts Zusätzliches. Kino, Theater, Ausflüge, einfach mal einen Kaffee, das alles kommt nicht infrage.« Bärbel Wischnewski schluckt bei ihren Erzählungen. Sie spricht darüber genauso ungern wie Marie Gärtner. Was würden sie tun mit 36 Euro mehr im Monat, so wie es das jüngste Urteil des Berliner Sozialgerichts nahelegt? »Versuchen, es beiseite zu legen«, sagt Marie Gärtner. Bärbel Wischnewski lächelt. »Ich würde so gern mal ins Theater gehen.«

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