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»Ich erhalte Todesdrohungen«

Von Heike Hänsel, erschienen in Clara, Ausgabe 40,

Die afghanische Politikerin und Frauenrechtlerin Malalai Joya im Gespräch mit Heike Hänsel über die aktuelle Situation in Afghanistan und ihr Leben im Untergrund.

Heike Hänsel: Die Medien in Deutschland interessieren sich kaum noch für Afghanistan. Wie ist derzeitig dort die Lage?

Malalai Joya: Leider ist die Sicherheitslage in Afghanistan sehr schlecht. Die Taliban, der sogenannte Islamische Staat (IS), die Warlords und die NATO-Besatzungstruppen sind dafür verantwortlich. In meiner Provinz Farah ist nur die Stadt unter der Kontrolle der Regierung, der Rest wird von den Taliban regiert. Selbst in der Hauptstadt Kabul finden Selbstmordattentate statt. Allein im Jahr 2015 wurden mehr als 5 500 afghanische Soldaten getötet. Die meisten von ihnen treten der Armee aufgrund von Arbeitslosigkeit und Armut bei.

 

Hänsel: Dazu kommt die Gewaltherrschaft der Warlords, die die Rohstoffe plündern, und das Erstarken der Drogenmafia …

Joya: … und die Besatzung hält an. US-Drohnenangriffe töten viele Zivilisten. Ein unsicheres Afghanistan ist für die geostrategische Agenda der USA von Vorteil, um die ökonomischen Projekte Russlands und Chinas in der Region zu torpedieren.

 

Hänsel: Welche Rolle spielt der IS in Afghanistan?

Joya: Ehemalige Taliban-Führer haben die Flagge des IS in einigen Teilen des Landes gehisst. Auch islamistische Kämpfer aus Tschetschenien, Usbekistan schließen sich dem IS an. Die USA benutzen ihn, um Instabilität nach Russland, den Iran und China zu exportieren. Vordergründig bekämpfen die US-Truppen den IS, lassen ihn aber an der Grenze zu den zentralasiatischen Republiken gewähren. Dort können Kämpfer ungehindert die Grenze überschreiten. Die große Armut bietet den islamistischen Gruppen günstige Voraussetzungen für die Anwerbung von Kämpfern. Der IS zahlt bis zu 600 US-Dollar pro Monat.

 

Hänsel: Viele junge Menschen fliehen aus Afghanistan nach Europa. Doch die meisten von ihnen werden abgeschoben.

Joya: Ich verurteile die EU-Flüchtlingspolitik und die Abschiebung von Flüchtlingen. Die Menschen kommen aufgrund der Sicherheitslage. Das ist ihr gutes Recht, denn die westlichen Länder, einschließlich Deutschland, sind für die schlimme Lage in Afghanistan, aber auch in Irak, Syrien, Libyen, verantwortlich, die der Grund für die Flüchtlingsbewegung ist.

 

Hänsel: Sind aus deiner Sicht die westlichen Militärinterventionen Ursache für den Terror in diesen Ländern?

Joya: Ja, die westlichen Regierungen destabilisieren diese Länder und unterstützen die brutalsten terroristischen Gruppen. Auch der Deal mit dem repressiven Regime in der Türkei ist widerwärtig. Jeder weiß, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan islamistische Milizen in Syrien und Irak unterstützt und die progressiven kurdischen Kräfte brutal unterdrückt, die in der Region die einzige Kraft gegen den IS sind. Genauso sendet der Iran afghanische Flüchtlinge nach Syrien, damit sie dort für das Regime von Baschar al-Assad kämpfen.

 

Hänsel: Was ist von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten im Norden Syriens zu halten?

Joya: Mich beeindrucken sie, insbesondere die tapferen Frauen, die gegen den IS kämpfen. Der Kampf gegen den islamistischen Terror in Kobane ist Teil des Kampfes des afghanischen Volkes. Ich hoffe, dass ich sie eines Tages treffen werde, da mich ihr Widerstand in hohem Maße beflügelt.

 

Hänsel: Was können Linke tun?

Joya: Wir brauchen die internationale Solidarität aller progressiven Kräfte in der Welt. Die Linke in Deutschland muss Druck auf ihre Regierung ausüben, damit sie nicht länger diese reaktionären und korrupten Kräfte in Afghanistan unterstützt. Wir haben progressive Organisationen wie die Solidaritätspartei Afghanistans oder zivilgesellschaftliche Organisationen wie RAWA, die Proteste gegen die Regierung und Besatzung organisieren. Doch darüber berichten die westlichen Medien leider nicht.

 

Hänsel: Wie ist deine persönliche Situation?

Joya: Ich erhalte Todesdrohungen und lebe nach wie vor weitgehend im Untergrund. Ich kann nicht einmal mit meiner Familie zusammenleben. Die Solidarität hat mir immer Mut gegeben. Ich brauche heute dringender denn je politische und finanzielle Unterstützung für diesen gerechten Kampf.

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