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„Ich dachte, mit 20 ist man erwachsen“

erschienen in Lotta, Ausgabe 10,

Was für ein Leben wollen junge Frauen? Welche Wünsche und Erwartungen haben sie? Was ist ihnen wichtig? Lotta ist im Gespräch mit einer Studentin, einer Abiturientin und einer Schülerin.

Was macht ihr gerade? Wie sieht euer Alltag aus?

Patricia Diaz Soto: Ich bin in einer seltsamen Zwischenphase. Seit meinem zehnten Lebensjahr bin ich in Spanien aufgewachsen, dort habe ich auch mein Abitur gemacht. Viele meiner spanischen Freunde haben gleich nach der Schule angefangen zu studieren. Ich aber bin mit meiner Familie wegen der Krise nach Deutschland gezogen. Wir haben schon früher, bis zu meinem zehnten Lebensjahr, hier gelebt. Mein Vater ist Deutscher, meine Mutter Kubanerin. Ich wollte eigentlich schon längst studieren, aber das Bewerbungssystem ist so kompliziert, alles hat sich nach hinten verschoben. Wegen meines spanische Abiturs ist der bürokratische Aufwand bei der Universitätsbewerbung viel höher. Das frustriert mich.

Sarya Polat: Ich gehe noch zur Schule, in die 9. Klasse. Meine große Leidenschaft ist Musik, ich möchte unbedingt auf eine Musikspezialschule wechseln. Deswegen stecke ich im Moment ein bisschen in der Klemme. Nächstes Schuljahr habe ich meine Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss, dafür muss ich viel lernen. Und jetzt müsste ich noch richtig viel Klavier üben für die Aufnahmeprüfung an der neuen Schule. Das ist Stress, aber ich will das unbedingt schaffen.

Luisa Seydel: Mein Bachelorstudium geht dem Ende zu, ich schreibe gerade meine Abschlussarbeit. Zwischendurch wollte ich abbrechen, nachdem ich eine große Krise hatte. Jetzt habe ich mich wieder gefangen. Dabei habe ich mir auch helfen lassen, alleine hätte ich das nicht geschafft. Ich habe mich lange gefragt: Wer bin ich eigentlich? Was mache ich hier? Durch das letzte Jahr weiß ich jetzt ziemlich genau, was ich in Zukunft machen will.

 

Du hast von einer ehrenamtlichen Arbeit erzählt. Was genau machst du?

Luisa: Ich habe vor zwei Jahren mit einigen anderen Leuten einen Verein gegründet. In Berlin-Hellersdorf gab es damals unangenehm rassistische Proteste gegen die Eröffnung eines Flüchtlingsheims. Wir gründeten dagegen eine ‚Willkommensinitiative‘. Der Verein heißt „Hellersdorf hilft“ und wir unterstützen Flüchtling ein den Bezirken Hellersdorf und Marzahn. Wir haben eine Begegnungsstätte eröffnet mit einem selbstverwalteten Internetcafé. Es ist ein guter Freiraum für die Flüchtlinge. Diese Arbeit ist toll, sie hat mich sehr geprägt, aber auch oft emotional mitgenommen. Ich bin im Vereinsvorstand und habe bei der Gründung total unterschätzt, was wir da auf uns nehmen. Aber es ist eine Herzensangelegenheit von mir.

 

Zukunft – was ist das für euch? Plant ihr etwas?

Sarya: Ich will die Schule wechseln und mein Leben lang Musik machen. Ich

 will auch davon leben können! Ich möchte mir mein Leben selbst finanzieren.

Patricia: Bei mir kommt erst einmal das Studium. Ich möchte Kulturwissenschaft studieren. Und später will ich nicht superreich sein. Glücklich sein ist mir wichtiger, zufrieden mit der Arbeit, die ich mache, und vielleicht anderen Menschen helfen oder Gutes tun. Ich wünsche mir, etwas zu finden, was mich richtig ausfüllen kann.

Luisa: Ich möchte einen Master in Politikwissenschaft machen. Komischerweise mache ich mir gar nicht so viele Sorgen. Viel Geld brauche ich nicht, mit meinem Studentennebenjob komme ich gut über die Runden. Nach meinem Master werde ich irgendwo als Politikwissenschaftlerin arbeiten und das Geld wird reichen. Zukunftsängste habe ich nicht. Dann hoffe ich, dass ich  im Alter keine Spießerin werde. Ich wünsche mir, dass ich irgendwann weniger wütend sein kann, als ich es jetzt bin. Ich bin so wütend auf viele Zustände in der Gesellschaft. Ich will im Alter noch für eine bessere Welt kämpfen, aber ich hoffe, ich bin dann mit mir und der Umwelt mehr im Reinen. Ich möchte mich irgendwann nicht mehr so furchtbar aufregen müssen.

 

Was regt dich denn auf?

Luisa: Das Bildungssystem macht mich wütend. Mich macht wütend, dass Kinder schon so früh abgehängt, stigmatisiert werden, weil sie aus bestimmten Verhältnissen kommen. Mich ärgert, wie unsozial die Regierungspolitik ist, wie wenig Partizipation ermöglicht wird. So viele im Bundestag und in der Regierung haben nie erlebt, was es heißt, ein Arbeiterkind zu sein oder in einem schwierigen Viertel aufgewachsen zu sein. Mich macht die Flüchtlingspolitik unheimlich wütend, dass Menschen illegal sein müssen. Und dann diese Leistungsgesellschaft. Es gibt so wenig Solidarität, es ist eine Ellenbogengesellschaft.

 

Patricia und Sarya, seid ihr auch auf irgendetwas sauer?

Patricia: Dass wir – obwohl wir in einer Welt leben, in der Dinge von Menschen gemacht und entschieden werden – nichts ändern. Schlimmer noch, es gibt Menschen, denen die Missstände dann auch noch egal sind.

Sarya: Mich macht das mit der Arbeit wütend. Dass ein Altenpfleger viel weniger verdient, als zum Beispiel ein Mathematiker. Dass überhaupt manche Berufe als viel wertvoller wahrgenommen werden, als die eines Erziehers oder Sozialarbeiters. Die Lohnunterschiede machen mich sauer.

 

Fühlt ihr euch von der Politik wahrgenommen?

Alle drei (lachend): Nein!

Patricia: Vielleicht bin ich noch zu jung, um Politik richtig zu verstehen. Ich bin in einer Phase, in der ich an gar nichts glaube, mir trotzdem wünsche, dass sich die Zustände ändern und verbessern.

Luisa: Ich glaube der Politik auch nicht. In der Flüchtlingspolitik wird gerne von einer Willkommenskultur palavert. Ich finde das heuchlerisch, wenn gleichzeitig das Asylgesetz immer weiter verschärft wird oder so etwas wie die Drittstaatenregelung gilt, damit die Leute wieder abgeschoben werden können. Als Frau fühle ich mich auch nicht besonders gut vertreten. Viele meiner Freundinnen sind mit ihrer Ausbildung oder ihrem Studium fertig geworden. Die kriegen fast nur befristete Verträge und sind damit jederzeit austauschbar. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Politik etwas gegen solche Vorgänge unternimmt.

Patricia: Politik ist einfach nicht familienfreundlich!

 

Könnt ihr euch trotzdem vorstellen, eine Familie zu gründen?

Luisa: Ich denke schon, dass ich ein Kind will. Aber jetzt noch nicht, nicht in naher Zukunft.

Patricia: Ich will auf jeden Fall Kinder haben.

Luisa: Ich dachte früher immer, mit 20 ist man erwachsen, lebt in einer Ehe und hat Kinder. (lacht)

Patricia: Meine Oma und Freunde meiner Eltern waren wirklich genau in dem Alter verheiratet und hatten Kinder. Ich selbst will mit 50 Jahren auch keine Teenager mehr im Haus, sondern Zeit für mich haben. Kinder also gerne schon mit 25.

 

Was glaubt ihr, warum bekommen Frauen heute später Kinder?

Patricia: Wir wollen erst einmal unsere Zukunft sichern. Unsere Kinder sollen in einem guten Umfeld aufwachsen. Dafür brauchen wir eine feste Arbeit, einen Zukunftsplan. Bei all den Baustellen, die wir bearbeiten müssen, vergeht die Zeit, und wenn die Sicherheit nicht da ist, kommen auch keine Kinder.

Luisa: Meine Eltern sind in der DDR aufgewachsen, das Leben war einfach anders strukturiert. Ich glaube, das späte Kinderkriegen liegt auch an unseren Freiheiten. Ich reise mit meinen Freundinnen ganz viel durch Europa, dann geht man vielleicht noch ein Jahr ins Ausland und man möchte sich bestmöglich aus- und weiterbilden. Da stehen Kinder erst einmal hinten an.

 

Wollt ihr in einer Partnerschaft leben?

Luisa: Ich sehe mich in einer Partnerschaft, ja. Aber nicht in einer Ehe.

Patricia: Ich will definitiv Kinder haben, aber ich muss keinen Partner haben. Ich habe mich immer als alleinerziehende Mutter gesehen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass alle meine Freundinnen über Hochzeiten und Traumprinzen gesprochen haben. In meiner Zukunftsvorstellung gibt es aber nur mich und meine Kinder.

 

Sarya, du bist erst 15 Jahre alt, interessiert dich Politik?

Sarya: Ja klar. Ich diskutiere manche Bundestagsentscheidung mit meinen Eltern. In der Schule reden wir auch über Politik. Trotzdem fühle ich mich nicht von der Politik vertreten. Wir dürfen schon sagen, was wir denken, aber diskutiert wird es dann doch nicht. Und mich nervt das Nicht-wählen-Dürfen. Erwachsene, Lehrer und Politiker denken, wir hätten keine Ahnung. Sie wüssten, was für uns das Beste ist. Das nimmt einem jede Motivation, sich wirklich einzumischen.

Luisa: Es gibt ja diese U18-Wahlen an den Schulen. Damit wird den Jugendlichen im Prinzip von Anfang an vermittelt: Ihr könnt hier zwar abstimmen, aber es hat keine Auswirkung auf die Realität. Das ermutigt doch niemanden, sich einzubringen.

 

Was würdet ihr ändern wollen?

Luisa: Ich würde mich besser fühlen, wenn mehr Frauen im Parlament wären, vor allem mehr junge Frauen. Ich möchte da mehr Migranten und Migrantinnen sehen, das Parlament sollte bunter und vielfältiger besetzt sein. Ich möchte, dass soziale Themen eine größere Rolle spielen und dass die Anliegen junger Menschen ernster genommen werden. Ich fände eine Wahl ab 16 gut und man sollte in der Schule viel mehr über Demokratie und das Wählen lernen.

Patricia: Genau! Nicht alle haben eine Vorstellung davon, was in einem Parlament überhaupt passiert. Politik wird als sehr kompliziert empfunden. Dabei geht es doch um Menschen, um uns ganz persönlich und darum, wie wir leben. Das passiert alles so weit entfernt von uns. In der Bildung müsste man anfangen, diese Dinge zu erklären und verständlich zu machen.

 

Sarya Polat, 15 Jahre alt, Berlin, Schülerin.

Luisa Seydel, 23 Jahre alt, Berlin. Studentin der Politikwissenschaft.

Patricia Diaz Soto, 21 Jahre alt, Lütjenburg (in der Nähe von Kiel). Abiturientin.

 

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