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„Ich bin nicht Til Schweiger!“

erschienen in Clara, Ausgabe 28,

Die SPD und ihr Spitzenkandidat sind wahlprogrammiert. Peer Steinbrück gibt nun den unerschrockenen Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. clara präsentiert ein fiktives Interview mit dem Staatsschauspieler

Sie als moderner Zorro oder Robin Hood – ein verwegener Gedanke …

Stimmt. Aber als Politikdarsteller reizt mich diese Rolle ja gerade deshalb, weil sie so gar nichts mit mir selbst zu tun hat. Darin liegt doch die Herausforderung für einen Verstellungskünstler. Es ist öde, sich nur selbst zu spielen. Ich bin doch nicht Til Schweiger.

Wie wollen Sie sich denn einem völlig fremden Milieu nähern?

Nun, ich werde versuchen, mich in so einen typischen Hartzer hineinzufühlen – so Robert-de-Niro-Method-Acting-mäßig: in die tumbe Sprache, die plumpen Gesten, den strengen Geruch, den billigen Geschmack. Hauptsache, davon bleibt nichts an mir kleben.

Und wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie den Finanzkapitalismus bändigen?

Ich kann das. Schon als Finanzminister habe ich das Kapital einfach jahrelang machen lassen und dadurch derart clever aus der Deckung gelockt, dass es einfach seine fiese Fratze zeigen musste. Außerdem ist dieser parasitäre Sektor durch meine Vorträge bei Banken und Versicherungen finanziell enorm geschwächt. Noch so einen Schlag überleben die nicht.

Sie gehören zu den Erfindern der Agenda 2010, rechtfertigen sie noch heute, wollen aber nun gegen ihre Folgen kämpfen.

Wieso „aber“? Das ist doch folgerichtig. Hätten wir die Agenda damals nicht durchgedrückt, würde mir heute die Basis für meinen Wahlkampf fehlen. Wir hätten nicht so viele Niedriglöhner, Minijobber und Leiharbeiter, und ich müsste ganz andere Volksreden halten, zum Beispiel für das Verbot von Hühnerfrikassee.

DIE LINKE wirft Ihnen vor, deren alte Forderungen nach Finanztransaktionssteuer, flächendeckendem Mindestlohn, Wiedereinführung der Vermögenssteuer oder höherem Spitzensteuersatz als Regierungsmitglied heftig bekämpft zu haben und nun stillschweigend zu übernehmen. Sind Sie ein Raubkopierer?

Unsinn. Urheberrechtlich wäre das doch nur ein Problem, wenn ich mir diese Ideen tatsächlich geistig aneignen würde oder im Extremfall sogar vorhätte, sie umzusetzen.

Heißt das etwa, alles, was Sie sagen, ist nur Wahlkampfgetöse?

Alles? Aber nein! Meine Forderung nach einem deutlich höheren Kanzlergehalt meine ich selbstverständlich ernst. Die einzige Bedingung, die ich an dieses für mich zentrale Thema knüpfe: Ich muss vorher gewählt werden.

Diese Lohnerhöhung beträfe aber nur einen sehr begrenzten Personenkreis …

Richtig. Politik muss Prioritäten setzen. Ich rede aber, wie Sie selber schon erwähnt haben, auch oft vom flächendeckenden Mindestlohn.

DIE LINKE schlägt 10 Euro vor …

Eine reine Fantasiezahl. Wir reden lieber von 8,50 Euro, setzen aber vorsichts-halber „mindestens“ dazu. Wir müssen die weiteren Umfragen abwarten, notfalls gehen wir dann auf elf oder zwölf.

Sie sagten neulich zu der Frage, mit welchen Belastungen Steuerzahler rechnen müssten: „Das werden wir nach der Wahl präsentieren.“ Warum erst dann?

Wegen der Regeln unseres demokratischen Systems, ich will den Wähler gewinnen, nicht verprellen.

Sie wollen die Bundeswehr auch künftig weltweit einsetzen. Und das trotz des Serbienkriegs, an dem sich die damalige rot-grüne Bundesregierung beteiligte?

Sie unterschlagen, dass dies seit über 100 Jahren der erste Angriffskrieg war, den Deutschland gewonnen hat. Beim Militär ist das wie in der Politik: Am Ende zählen die Erfolge.

Interview: G. A. Behrend

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