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Hinter Glas

erschienen in Clara, Ausgabe 18,

Das Zusammenspiel von Architektur und Macht: Glas garantiert keinen Durchblick in der Demokratie. Eine Gastkolumne von Laurenz Demps

Einst saßen mächtige Herren in festen Burgen mit kleinen Fenstern und hohen Türmen. Von diesen sahen sie ins Tal, und kam ein Kaufmannszug vorbei, war es um diesen geschehen. Denn nicht immer reichten die Abgaben der lehnspflichtigen Dörfer. Im ungeniert direkten Griff verbesserten die Herrscher ihr Einkommen auf Kosten anderer.

Zeitenwechsel: In prächtigen Schlössern, die auch bezahlt werden mussten, residierten später andere fürstliche und königliche Herren und grübelten über die Erhöhung von Abgaben nach. Man erfand etwas Neues: eine Verbrauchssteuer auf alles, was die Untertanen für das alltägliche Leben brauchten. Eine Umlage auf Zucker, Salz, Fett, Fleisch. Man nannte sie aber nicht Steuer, sondern erfand einen neuen Begriff: Akzise. Das klang schön und fremd und weniger bitter. Wer innerhalb der Stadtmauern lebte, wurde zur Kasse gebeten, aber auch, wer in die Stadt hinein wollte. Diese Binnensteuer war sofort und unmittelbar am Stadttor zu entrichten.

Weiterer Zeitenwechsel: Irgendwo in der großen Stadt in dunklen Hinterzimmern saßen wieder andere Regenten und suchten nach Wegen, wie die Einnahmen gesteigert werden könnten. Und zwar so, dass die Menschen es nicht sofort merkten. So erfand man die Sektsteuer zur Finanzierung von Kriegsschiffen. Diese liegen längst auf dem Meeresgrund oder sind verschrottet; die Sektsteuer gibt es immer noch.

 

Verborgen hinter spiegelblankem Glas

Für alle diese Beschlüsse suchte oder schuf man sich Baulichkeiten, die von ihrem Charakter jede Heimlichkeit zuließen, ja, sie geradezu verdeckten. Entscheidungen hinter dicken, undurchdringlichen Mauern.

Das ist nun vorbei! Glas, Durchsichtigkeit, Transparenz, das bieten die neuen Bauten der Demokratie. Jeder kann alles verfolgen und sehen. Sitzt die Person am Arbeitsplatz, hat sie die Schuhe ausgezogen, wird Kaffee getrunken, geschrieben, debattiert? Darüber hinaus lässt man vielfach die Türen auf. Offenheit allerorten. Der Reichstag, das Bundeskanzleramt, die neuen Bauten im Berliner Regierungsviertel – spiegelblankes Glas. Dazu offen und öffentlich für jeden Besucher.

Doch was sieht er, und was sieht er nicht? Wie durchsichtig ist beispielsweise die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke? Hinter welchen Fenstern und Türen wurde das Kürzungspaket geschnürt? Wer sitzt am Tisch, wenn die Krankenkassenbeiträge erhöht werden? Und wer rechnet die Rente mit 67 so glasklar schön? Wer lässt bei Stuttgart 21 am runden Tisch verhandeln und baut trotzdem weiter? Das alles bleibt verborgen hinter Glas.

Aber vielleicht sieht der Wähler ja trotzdem, was er nicht sehen soll! Und vielleicht fragt er sich: Regiert die Regierung an meinem Leben vorbei?

 

Laurenz Demps ist emeritierter Professor für Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach dem Studium der Geschichte und Kunstgeschichte profilierte er sich mit Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus. Er ist Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern. Im Jahr 2010 erschien in 4. Auflage „Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht“ und „Das Königliche Invalidenhaus zu Berlin. Geschichte und Entwicklung seines Geländes“. Zurzeit arbeitet er an einer Dokumentation der Luftangriffe auf Berlin und an der Geschichte der Neuen Wache Berlin.

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