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Hier zu leben, ist ein bisschen wie heiraten

erschienen in Lotta, Ausgabe 8,

Die Kommune Niederkaufungen zählt zu den ältesten in Deutschland. Knapp 80 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten gemeinschaftlich. Ein Ort, an dem Geschlechtergerechtigkeit keine Ausnahme, sondern Alltag ist.

 

 

 

Steffi Welke ist Sozialarbeiterin, arbeitet außerhalb und ist seit sieben Jahren dabei. Jacqueline Bernardi organisiert Tagungen, Führungen und Seminare, arbeitet inner- halb und gehört seit zehn Jahren dazu. Die zwei Frauen sind Mütter von drei Kindern hier (plus den beiden, die Jacquelines Freund mitbrachte), und sie sind in ihren Vierzigern. Was ein Problem ist. Doch dazu später.

Von der Innenstadt Kassels sind es zwanzig Autominuten bis zur Kommune in Niederkaufungen – es ist eine Fahrt ins Innere der Gesellschaft. Oder aus ihr heraus. Das liegt im Auge des Besuchers, der eine neue Welt betritt, in der Frauen einen Platz haben, wie er gesellschaftlich nicht typisch ist. Dieser Planet hat eigene Regeln und hält an eigenen Vorstellungen fest. 31 Frauen, 27 Männer und 20 Kinder leben auf ihm. Leichter Frauenüberschuss. Ist die Kommune, wie jemand vor Jahren schrieb, eine „Insel im Meer des Kapitalismus“, gar eine Insel der glückseligen Frauen?

Das Besondere

Das Frauenbesondere an der Kommune ist, dass nichts frauenbesonders sein muss. Fünf Männer (und eine Frau) stellen täglich drei Mahlzeiten her und auf die Tische des Gemeinschaftssaales. Frauen arbeiten im Stall und auf dem Feld. Männer betreuen Kinder und hüten in der Tagespflege Demenzkranke. Frauen führen Seminare und Tagungen durch. „Der handwerkliche Bereich ist bis heute männerdominiert“, sagt Steffi. „Beim Kochen, Putzen, Spülen, Pflegen - da sind wir alle schon gleich“, lacht Jacqueline. „In der Landwirtschaft sitzen die Männer auf dem Trecker, stimmt’s?“, fragt Steffi die Kathrin. Sie hat sich zum Gespräch gesellt. „Ein dickes Fell ist hilfreich“, sagt Kathrin Sonntag bündig. Sie ist Bäuerin mit Leib und Seele. Der Kommune elf Kühe stehen zweieinhalb Kilometer vom Dorf entfernt auf der Weide. Cathrin ist vor einem Jahr Kommunardin geworden. Zusammen mit Freund und zwei Kindern. An ihrem Händedruck spürt man: Diese Finger haben schon zigtausende Male gemolken. „Zum Glück kann ich besser Trecker fahren als Frank!“ Lachen, das Problem ist erst mal vom Tisch. Aus der Welt ist es nicht.

Aber: Es stehen keine Karriereleitern auf dem circa 1.200 Quadratmeter großen Kommunegelände mit einem Aussiedlerhof und etliche Hektar Land. Eine Quote gibt es höchstens bei der Apfelernte. Kein Platzhirschgebrüll. Der Sirenengesang der Macht, der Eitelkeit, der Selbstdarstellerei – hier klänge es saukomisch.

Frau = Mann = Mensch – so einfach ist es dann doch nicht. Wie überall gibt es Konflikte, Beziehungskrisen, Unverträglichkeiten. Worauf es ankomme: Vertrauen und Kommunikation. Sie sind voneinander abhängig. Nicht anders in der Gesellschaft. Oder doch komprimierter, unbedingter? Du musst darauf vertrauen, dass dein Mitmensch auch mit deinen Schwächen behutsam umgeht. Du wiederum musst ihm Vertrauen geben. Ein Experiment seit 28 Jahren.

Das Konsensprinzip

Auf diesen Planeten darf nur ziehen, wer Testgespräch und Prüfungszeit besteht und wer einstimmig aufgenommen wird. Steffi kommt aus der Hausbesetzerszene in Hanau, hat jemanden kennengelernt und die Rolle gespielt, die von ihr erwartet wurde. „Irgendwann war die Lebenssituation so, dass ich al- leine gelebt habe, zwei Kinder, arbeiten, um den Hort bezahlen zu können, nee, so wollte ich eigentlich nie leben.“

Jacqueline hat jahrelang an der Uni Kassel über solidarische Ökonomie geforscht. Nach einer mehrwöchigen Recherche in der Kommune beschloss sie zu bleiben. Sie lernte ihren Freund kennen und bekam Louisa. In ihrer Wohngruppe leben insgesamt neun Personen. Die gebürtige Brasilianerin hat den Vergleich zwischen einer „Machogesellschaft“ und der Kommune gelebt. Sie kommt aus einer Schicht und Familie, in der die Frauen studiert haben, arbeiten, eine Verwandte hat eine Klinik gegründet – dennoch: Wenn es um Kinder geht, ums Einkaufen, ums Kochen, halten sich die Männer raus. „Hier hilft der Mann!“

Kathrin war in einer kleinen Landwirtschaftskommune im Brandenburgischen, ehe sie nach Niederkaufungen ging. Bei den vorherigen Versuchen, linksautonom zu leben, haben sie das Debattieren und Votieren und Kritisieren gelernt. Und auch, dass immer mal wieder jemand Nein sagt und ein Projekt scheitern lässt.

Deshalb Einstimmigkeit: In den Kleingruppen, die gebildet werden, wird so lange diskutiert, bis es kein Nein auf dem Plenum mehr gibt. Manche Entscheidung fällt aus. Oder es gibt dreimal ein Nein. Das haben sie beschlossen: Ein Nein darf nicht genügen. Gibt immer jemanden, der Nö sagt und blockt. Aus dieser Erfahrung heraus die Regel des dreimal Nein. Und die Neinsager sollten sich gründlich überlegen, warum sie gegen etwas sind und eine andere Lösung vorschlagen. Die wiederum diskutiert wird. „Das nervt manchmal“, meint Steffi. „Wenn ich gucke, was so weltpolitisch los ist. Seit einem Jahr sind wir damit beschäftigt, wie man einen Gemeinschaftsraum einrichtet, meine Güte!“ Es ist und bleibt ein Experiment. Dass es bis heute funktioniert, beruht auf einem zweiten, im Bewusstsein der Kommune verankerten Pfeiler:

Die gemeinsame Ökonomie

Wo die offene Kasse steht, sitzt – ein Mann. Doch wieder ein Kerl am ökonomischen Hebel? Uli Barth, 60, Mitbegründer der Kommune, lächelt still- überlegen. Er kommt aus einer Zeit, in der Kommunen hochpolitische Ansagen an das Establishment waren. Kleinfamiliär wollte er nicht leben. Und wichtig war ihm die Selbstbestimmtheit des Lebens: „Ich denke, es gibt in der Gesellschaft kaum jemanden, der so selbstbestimmt arbeiten kann wie wir hier.“ Zufall grad, dass er allein im Büro sitzt. Und von Hebel (gar Macht) könne keine Rede sein. Es gibt auch hier keine Hierarchien. Die Verwaltungsgruppe besteht aus zwei Frauen und zwei Männern. Allerdings war das nicht selbstverständlich und vor Jahren „eine heikle Situation“. Zu den zwei Männern der Verwaltungsgruppe sollte ein dritter kommen. Das wurde verhindert, Frauen kamen. Gleichberechtigung von selbst gibt es nicht.

Das Prinzip ist einfach: Du gibst alles, auch dein Vermögen und deinen Haushalt, wenn du in die Kommune eintrittst, und nimmst im Folgenden, was du brauchst. Auf einen Zettel kritzelst du deinen Namen und die Summe. Es gibt eine zweite Liste für den Verbrauch von Summen über 150 Euro. Einmal im Monat wird während des Plenums über das Geld berichtet und es wird ein Be- scheid vor dem Tagungsraum ausgehängt.

Aber bringen Kommunarden, die wie Steffi außerhalb arbeiten, nicht mehr Geld ein als diejenigen, die auf dem Hof arbeiten oder auch nicht arbeiten? Steffi findet’s gerecht. Weil sie es für „total ungerecht, eine Sauerei“ hält, dass „Leute, die unsere Lebensmittel herstellen und hart arbeiten, so wenig Geld für die Arbeit kriegen“. Jacqueline meint, man könne das Leben nicht aufs Geld reduzieren. „Die Ressourcen, die wir haben. Maschinen, Häuser, alles, was du brauchst zum Leben, Obst, Essen in bester Qualität, ohne Ende. Und falls dir mal was passiert, wirst du versorgt. Immer ist jemand für die Kinder da.“

Natürlich gab es Menschen, die das Kommuneleben nicht aushielten, und es wird sie immer geben. Lebensum- stände verändern sich, Partnerschaften zerbrechen, der Zeitgeist weht hinein. Dafür gibt es einen Ausstiegsvertrag, in dem zu Beginn des Kommunedaseins in etwa ausgehandelt wird, was du mitnehmen kannst, um „draußen“ neu anfangen zu können.

Das Nachwuchsproblem

Das Problem: Steffi ist 47, Jacqueline 44, Kathrin 45. Wie in der Gesellschaft steigt das Alter in der Kommune. Die Kommune wird nicht von einem Tag auf den anderen in Rente gehen, aber: „Die bei uns mitmachen wollen, kommen nach der Ausbildung zu uns und haben schon Lebensformen ausprobiert“, sagt Steffi. „Hier einzutreten und zu leben, ist ein bisschen wie heiraten.“ Sie weiß, wovon sie spricht. Zu Jacquelines Aufgaben gehört es, in Kennenlernseminaren für die Kommune zu werben, damit auch Menschen unter 30 den Weg in ein alternatives Leben finden.

Ob die Kinder mal ihre Nachfolger werden? Steffis Tochter Hazal ist gerade für ein Jahr in Neuseeland. Ulis zwei Söhne sind schon fortgezogen. Die anderen Kinder sind zu jung für Zukunftsentscheidungen. Die Kommune ist eine Welt für sich, aber sie ist nicht die Welt. Eine „Insel im Meer des Kapitalismus“?

Mit Käserei, Schreinerei, Hofladen, Pflegestation, Kita arbeitet sie betriebswirtschaftlich. Eher ist sie ein Bohrinselchen, das menschliche Treib- und Rohstoffe fördert: Vertrauen, Solidarität, Gleichberechtigung, Selbstbestimmtheit.

 

 

Die Kommune in Fakten

 

° Gegründet 1986 ° Mitglieder zurzeit: 58 Erwachsene,

20 Kinder ° Berufe der Kommunardinnen und Kommunarden: von Pfarrerin bis zum Psychologen, vom Schreiner bis zum Schornsteinfeger, vom Landwirt bis zum Bauingenieur

° Niederkaufungen ist international, gehört zum Netzwerk Kommuja - einen Zusammenschluss politischer Kommunen in Abgrenzung zu spirituellen oder religiösen Gemeinschaften. Das Kommuja-Netzwerk umfasst gegenwärtig 33 Kommunen

° Wichtiger öffentlicher Termin: das jährliche Hoffest, findet im Jahr 2015 am 

5. September statt

° Seit 2006 bilden Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen die Transition-Town-Bewegung „Stadt im Wandel – Zukunft im Wandel“; um auf knapper werdende natürliche Ressourcen zu reagieren, bilden sich Gemeinschaftsprojekte, die die Regional- und Lokalwirtschaft stärken und den Verbrauch fossiler Energieträger reduzieren wollen. In Deutschland soll es derzeit etwa 110 solcher Bürgerinitiativen geben. Eine davon ist in Kaufungen.

 

Mehr unter www.kommune-niederkaufungen.de

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