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Heuschrecke mit menschlichem Antlitz

erschienen in Clara, Ausgabe 15,

Die FDP lässt die Hüllen fallen. Die Partei der Besserverdienenden beweist, dass man mit sozialer Verantwortung keinen Blumentopf gewinnen, aber umso mehr Profit machen kann. von Gesine Lötzsch

Sonntags bei Anne Will. Alice Schwarzer, Klaus von Dohnanyi, Leander Haußmann und ich diskutierten über die desaströse Lage in Ostdeutschland. Als ich meinte, dass die Treuhandanstalt für mich die Mutter aller Heuschrecken ist, da hatte ich Sorge, dass Herr Dohnanyi komplett die Fassung verliert. Er vertrat die absurde These, dass die Treuhand gute Arbeit geleistet habe. In dieser Frage schaltet sich nach meiner Erfahrung bei allen ehemaligen Treuhandmanagern eine geistige Zentralverriegelung ein. Die Beteiligten an der Abwicklung der DDR verweigern den Blick auf ihre Arbeitsergebnisse. Sie wollen nicht wahrhaben, dass diese in Ostdeutschland verhasste Anstalt aus ihnen Heuschrecken gemacht hat. Viele dieser Treuhandmanager starteten nach der Abwicklung ostdeutscher Betriebe außergewöhnliche Karrieren. Gewiss, damals sprach man noch nicht offiziell von Heuschrecken. Der Begriff machte erst die Runde, als angloamerikanische Hedge-Fonds über westdeutsche Unternehmen herfielen. Diese Fondsmanager verdienten und verdienen unglaubliche Summen mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen. Man könnte meinen, dass diese skandalöse Form des Kapitalismus durch die damalige Regierung sofort unterbunden worden wäre. Doch weit gefehlt. Man ließ sie gewähren. Es gab genug Menschen, die sich die Frage stellten, wie sie selbst zu einer in Geld schwimmenden Heuschrecke werden könnten. Dafür waren sie auch bereit, nicht nur ihr eigenes Unternehmen, sondern das gesamte Wirtschaftssystem infrage zu stellen. Es waren nicht hochkomplexe Finanzinstrumente, wie immer verkürzt behauptet wird, die die Finanzkrise verursacht haben, sondern Menschen, die für sich entschieden haben, als Heuschrecke weiterzuleben. Mittlerweile ist das »Leben als Heuschrecke« zum Motto einer ganzen Partei geworden – der FDP. Sie hat großes Verständnis für Menschen, die sich weniger als soziale Wesen verstehen. Geraten diese Menschen in die Kritik, weil sie nicht zur Mehrung des gesellschaftlichen Reichtums beitragen, sondern nur auf ihren Eigennutz fokussiert sind, dann ist die FDP als parlamentarisches Standbein der Heuschrecken zur Stelle. Diese Heuschrecken mit menschlichem Antlitz sind nicht nur unheimlich gefräßig, sie verstehen es auch auf perfide Weise, die öffentliche Aufmerksamkeit von sich auf andere zu lenken. So hat es der Vorsitzende der FDP, Guido Westerwelle, geschafft, dass keiner mehr über die Finanzkrise und ihre Verursacher spricht, sondern alle darüber, ob eine Kellnerin am Ende des Monats weniger in der Tasche hat als ein Arbeitsloser. Jeder, der glaubt, dass sich Herr Westerwelle jetzt für Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können, stark macht, der hat sich getäuscht. Für ihn ist nur wichtig, dass die Heuschrecken aus den Schlagzeilen kommen. Als Linke passt mir dieses von der FDP propagierte Menschenbild überhaupt nicht. Ich frage mich, warum wird es akzeptiert und übernommen? Weil die sogenannten Eliten dieser Gesellschaft vorleben, dass man mit sozialer Verantwortung keinen Blumentopf gewinnen kann? Gefragt ist eine grenzenlose Flexibilität, eine elastische Moral und eine Unverfrorenheit, die einem das Blut in den Adern erstarren lässt. Ich halte es mit dem Soziologen Richard Sennett: »Ein Regime, das Menschen keinen tieferen Grund gibt, sich umeinander zu kümmern, kann seine Legitimität nicht lange aufrechterhalten.«

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