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Gesundheitsreform macht krank

erschienen in Klar, Ausgabe 21,

Praxisgebühr und Zuzahlungen belasten vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen.

Sie kann es nicht fassen. Franziska Lorenz-Hoffmann sitzt im Untersuchungsraum ihrer Augenärztin in Berlin-Mitte. Sie ist hier, um zu erfahren, ob sie eine Augenkrankheit hat. Ihre Ärztin hält eine weitere Untersuchung für notwendig. Ihre Krankenkasse sieht das anders und will nicht bezahlen. Nun muss Franziska Lorenz-Hoffmann der Ärztin 16 Euro aus der eigenen Tasche zahlen. Wütend sucht sie das Geld in ihrem Portemonnaie. Es ist ihre fünfte Zuzahlung in diesem Monat.

Wie Franziska Lorenz-Hoffmann müssen seit dem Jahr 2004 alle gesetzlich Versicherten zehn Euro Praxisgebühr pro Quartal und höhere Zuzahlungen für ärztliche Untersuchungen und Medikamente zahlen. Die von  CDU/CSU, SPD und Grünen beschlossene Gesundheitsreform ist nach wie vor umstritten. Ziel der Reform war es, durch die Praxisgebühr Menschen von unnötigen Arztbesuchen abzuschrecken. So soll verhindert werden, dass Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherungen übermäßig oft in Anspruch genommen werden.

Franziska Lorenz-Hoffmann ist seitdem genauso oft zum Arzt gegangen wie vor der Reform. Nur muss sie heute deutlich mehr Geld dafür bezahlen. Um ihre Witwenrente von 826 Euro aufzubessern, jobbt die Rentnerin seit einigen Jahren. Täglich muss sie fünf Medikamente gegen Asthma, Bluthochdruck und Knochenschwund einnehmen. Pro Quartal muss die 63-Jährige von ihrer Rente rund 130 Euro für Medikamente ausgeben. Für viele Menschen hat sich seit den erhöhten Zuzahlungen nicht nur ihre finanzielle Situation, sondern auch ihre medizinische Versorgung verschlechtert. Aktuelle Studien belegen, dass wegen der Praxisgebühr chronisch Kranke mit einem monatlichen Einkommen von unter 600 Euro zweieinhalb Mal häufiger als Besserverdiener den Arzttermin verschieben oder vermeiden. Die Folge der Praxisgebühr ist: Vor allem Menschen mit geringem Einkommen nehmen weniger ärztliche Leistungen in Anspruch.

Prognosen zeigen, dass auf die gesetzlich Versicherten in Zukunft noch mehr Kosten für den Erhalt ihrer Gesundheit zukommen, während die Unternehmen weiter entlastet werden. Bereits in diesem Jahr wurden unter Gesundheitsminister Rösler (FDP) die Zusatzbeiträge nochmals erhöht. Gleichzeitig fror die schwarz-gelbe Regierung die Unternehmerbeiträge ein. Wie Franziska Lorenz-Hoffmann dann von ihrer Rente Praxisgebühr, Medikamente und Behandlungen bezahlen soll, weiß sie nicht

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