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Gestern Flüchtling, heute Schüler

erschienen in Clara, Ausgabe 38,

Wie Flüchtlinge in deutschen Kommunen aufgenommen werden, hängt auch von den Menschen ab, die vor Ort helfen. Das beweisen engagierte Menschen in Eisenach und Frankfurt am Main. 

Gastfreundschaft und Weltoffenheit haben in Eisenach eine lange Tradition. In der Wartburg fand einst der Reformator Martin Luther Schutz vor Verfolgung. Auf den Spuren Luthers kommen Tag für Tag Touristen aus aller Welt in die Stadt. Auch Flüchtlinge kommen in den letzten Jahren hierher, seit diesem Sommer besonders viele.    Eigentlich rechnete man in Eisenach in diesem Jahr mit 100 Flüchtlingen. Doch stattdessen kamen rund 500, viele davon aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern wie Afghanistan, dem Irak und Syrien. Damit geht es Eisenach wie vielen anderen Kommunen im Land: Die Flüchtlinge stellen sie vor gewaltige Herausforderungen.    Um ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, richtete Oberbürgermeisterin Katja Wolf (DIE LINKE) mit ihrem Team im Rathaus eine Taskforce ein. „Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, Menschen in Not willkommen zu heißen und nicht im Regen stehen zu lassen“, sagt sie. Seit Sommer ist diese Taskforce mit Unterstützung vieler Freiwilliger nahezu ununterbrochen beschäftigt, mitunter auch in den Nachtstunden, um den neu Angekommenen Geborgenheit und ein sicheres Dach über dem Kopf zu vermitteln. So etwa, als im September eine Gruppe von Flüchtlingen nach extrem kurzfristiger Ankündigung durch die landesweite Aufnahmeeinrichtung spätabends in die Stadt kam. Notgedrungen mussten sie für zwei, drei Nächte in einer Turnhalle übernachten, bevor ihnen Wohnungen zugewiesen wurden.    Hohe Quote von Einzelwohnungen   Für die Verantwortlichen im Eisenacher Rathaus steht fest: Statt Massenlagern, Zelten und Ghettos, die ausgrenzen und die Gesundheit gefährden, brauchen Flüchtlinge dezentrale Einzelwohnungen. Nur so können die oftmals traumatisierten Menschen Ruhe finden, erfahren Familien wieder etwas Privatsphäre, können sie sich in der neuen Umgebung besser einleben. In leerstehenden Wohnungen der Städtischen Wohnungsgesellschaft Eisenach mbH (SWG) und anderer Vermieter finden die Flüchtlinge eine neue Bleibe. Flüchtlingsrat und Innenministerium in Thüringen bescheinigen, dass Eisenach landesweit bislang zu den Kommunen mit der höchsten Quote von Einzelwohnungen für Flüchtlinge gehört.    Bei der SWG und der Hilfsorganisation Caritas gehen seit Monaten viele Sachspenden für die Geflüchteten ein. Beide Stellen organisierten im Oktober für die neu Angekommenen einen Rundgang durch die Stadt und zeigten ihnen neben Sehenswürdigkeiten auch für den Alltag Notwendiges: Behörden, Postfilialen, Sparkassen und Supermärkte. Als Dolmetscher fungierten dabei auch Menschen, die vor Jahren selbst als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren und am Fuße der Wartburg eine neue Heimat gefunden haben. In einem neuen SWG-Nachbarschaftstreff können sich Flüchtlinge und Einheimische bei Kaffee und Kuchen persönlich kennenlernen und mögliche Vorurteile abbauen.   Von der SWG gespendete Schulbücher werden auch beim neuen Projekt „Willkommensklassen“ eingesetzt, das die Stadt für zugewanderte Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 10 gestartet hat. Der Unterricht findet in den Räumen der städtischen Volkshochschule statt. Die beiden Fachlehrerinnen, die hier die Jugendlichen zusätzlich zum regulären Schulbesuch in Deutsch als Fremdsprache unterrichten, hat die Landesregierung eingestellt. Oberbürgermeisterin Katja Wolf begrüßte bei Projektbeginn im Oktober eine Willkommensklasse persönlich. „Das Lernen der deutschen Sprache ist ein wichtiger Schritt, damit wir miteinander sprechen, uns verstehen und kennenlernen können“, sagt sie. „Mit den Willkommensklassen werden die Bildungs- und Integrationschancen deutlich erhöht.“    Weil SWG-Wohnungen für eine dezentrale Unterbringung nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen und auch die für das Jahr 2016 erwarteten Flüchtlinge in Eisenach ein festes Dach über dem Kopf brauchen, hat die Stadt jüngst Anteile der lokalen Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) gekauft. Somit können Flüchtlinge auch AWG-Wohnungen beziehen. Zudem sollen leer stehende städtische Immobilien rasch zu menschenwürdigen Gemeinschaftsunterkünften mit kleineren Wohneinheiten hergerichtet werden. 5,5 Millionen Euro für die Sanierung hat das Land Thüringen hierfür bereitgestellt. Die Gebäude liegen in der Innenstadt und nicht am Stadtrand oder in Gewerbegebieten. Auch wenn damit der Grundsatz dezentraler Einzelwohnungen nicht mehr in Gänze durchgehalten werden kann, wird so Ghettobildung und Ausgrenzung verhindert.   Anders sieht die Situation im benachbarten Hessen aus, wo die CDU gemeinsam mit den Grünen regiert. Menschenwürdige Unterkünfte sind hier längst nicht selbstverständlich: Im Oktober waren rund 7.000 von 18.000 Flüchtlingen, also rund 40 Prozent, in Erstaufnahmeeinrichtungen und Zeltstädten untergebracht, viele von ihnen seit Monaten. Damit nimmt Hessen im Vergleich aller Bundesländer einen traurigen Spitzenplatz ein.    Welcome Frankfurt   Doch auch in Hessen gibt es Beispiele, die zeigen, wie Flüchtlingshilfe von unten wirken kann. In Frankfurt am Main kümmert sich seit Monaten eine Initiative, die sich aus einem Bündnis gegen den lokalen Pegida-Ableger entwickelt hat, um die Flüchtlinge. Es begann Ende Juni, als engagierte Bürgerinnen und Bürger das Gespräch mit Flüchtlingen suchten, die in einer Turnhalle einquartiert waren. „Da ein Sicherheitsdienst die Halle absperrte, war die Kontaktaufnahme zunächst schwierig“, erinnert sich Annette Ludwig, ein Mitglied der Partei DIE LINKE, die damals dabei war.    Doch die Akteure ließen sich nicht beirren und organisierten wenige Tage später einen Umsonst-Flohmarkt vor der Halle. „Die Leute kamen raus und berichteten über ihre Erfahrungen. Von uns waren rund 100 Menschen dabei, darunter 30 Dolmetscher“, freut sich Annette Ludwig. Mittlerweile hätten sich auch viele der jüngeren Flüchtlinge aus der Turnhalle mit Einheimischen angefreundet und sind im Kreis von Frankfurter Familien willkommen.   Zusammen mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern war sie auch zur Stelle, als in einer Septembernacht ein Sonderzug mit Flüchtlingen den Hauptbahnhof erreichte und viele Menschen die Ankommenden spontan mit Klatschspalier begrüßten. Doch die Zustände waren chaotisch: Behörden und Hilfsorganisationen waren allem Anschein nach nicht vertreten. So packten die Aktivistinnen und Aktivisten an und begannen, die Flüchtlinge mit Kleidung, Lebensmitteln, Getränken und Informationen zu versorgen. Später prangerten sie das Versagen der Behörden an. Daraufhin wurde im Bahnhof ein Empfangszelt aufgebaut, ein Sozialverband übernahm die professionelle Betreuung der ankommenden Flüchtlinge. Dieser erste Erfolg war Anlass für festere Organisationsstrukturen und die offizielle Gründung der Initiative Welcome Frankfurt.    Als Sprecherin der Initiative verbringt Annette Ludwig neben ihrem Job als Personalberaterin seit Sommer fast jede freie Minute in der Flüchtlingsarbeit. Sie besucht auf Einladung von Sozialkundelehrern Schulklassen und sucht die enge Zusammenarbeit mit regionalen Medien. Inzwischen haben Aktive und Geflüchtete eine gemeinsame Facebook-Seite eingerichtet, die zum Kennenlernen und zum Austausch dient. Auch um praktische Dinge kümmert sich die Initiative, etwa um die Sammlung von Sachspenden, Kleidung und Lebensmitteln, aber auch um politische Aufklärung und Argumentation. „In wochenlanger Kleinarbeit ist es gelungen, mit den Geflüchteten selbst auf Augenhöhe zu sprechen und sie in die Veranstaltungen einzubeziehen“, blickt Annette Ludwig zurück. „Schließlich sind die Flüchtlinge von heute unsere Nachbarinnen und Nachbarn, unsere Kolleginnen und Kollegen von morgen.“ 

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