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“Geringfügig Beschäftigte brauchen Solidarität”

erschienen in Klar, Ausgabe 8,

Jeder hat schon mal die Auskunft angerufen oder wurde telefonisch um die Teilnahme an einer Umfrage gebeten. Dahinter stecken Call-Center, die ihr Geschäft oft mit Dumpinglöhnen betreiben. Andrea Rohr ist Betriebsrätin der Telekom-Tochter Vivento Customers Services. Sie kennt die Arbeitsbedingungen in Call-Centern aus eigener Erfahrung. In Deutschland arbeiten mehr als 450000 Menschen in 5500 Call-Centern. Tendenz steigend.

Die Branche der Call-Center wächst ständig und der Alltag der Beschäftigten wird oft als hart und belastend beschrieben. Wie kennen Sie ihn?

Andrea Rohr: Die Arbeit ist psychisch belastend. Durch den hohen Leistungsdruck und den Schichtdienst wird vor allem den Frauen viel abverlangt. Jede Anruferin und jeder Anrufer wollen flexibel bedient werden. Wir arbeiten bei Vivento nach Tarif, aber in anderen Firmen ist die Bezahlung oft sehr schlecht. Wir kennen Beispiele, wo Frauen trotz einer 40-Stunden-Woche noch Hartz IV beziehen, um zu den 800 Euro Brutto überhaupt etwas für die Minimalbedürfnisse zu verdienen. Es gibt leider viele freie Firmen, die auf Kosten ihrer Beschäftigten Gewinne machen.

Sie sind Mitglied im inoffiziellen Arbeitskreis der Call-Center. Was hat dieser Arbeitskreis zum Ziel?

Wir wollen für bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung kämpfen. In vielen Firmen gibt es keine Tarifverträge, viele Beschäftigte sind nicht fest angestellt und werden mit Zeitverträgen mundtot gemacht, weil jede Auf-lehnung gegen den Arbeitgeber mit Arbeitsplatzverlust bestraft wird. Das kann sich eine Frau mit einem durchschnittlichen Alter von 46 Jahren in der Branche heute nicht leisten. Bei zum Teil 3 Euro pro Stunde bekommt die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn gerade in unserer Branche eine besondere Bedeutung.

Manche Firmen sind wegen ihrer Beschäftigungspolitik mit Bußgeldern bestraft worden. Dennoch handelt es sich nicht um Einzelfälle. Was kann man dagegen tun?

Wenn gesetzliche Grenzen erreicht oder manchmal überschritten sind, machen die Firmen an einem Standort zu und führen mit Subventionen an einem anderen Ort ihr Geschäft fort. Wir müssen darauf aufmerksam machen und dürfen diese Praktiken nicht länger hinnehmen. Die geringfügig Beschäftigten haben keine Lobby und brauchen unsere Solidarität.

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