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Genossenschaften – eine Alternative am Wohnungsmarkt

erschienen in Clara, Ausgabe 41,

Welche Unterschiede bestehen zwischen genossenschaftlichem Wohnen und dem Wohnen zur Miete oder im Eigentum?

Klaus Singer: Unsere Genossenschaft bietet in Berlin-Mitte die günstigsten Mieten. Darauf sind wir stolz. Ich kenne kein Genossenschaftsmitglied, das aus seiner Wohnung ausziehen musste, weil es die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Als wir vor 20 Jahren die 248 Wohnungen von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) kauften, haben wir als Erstes über die Mieten gesprochen, die wir nach der Sanierung bezahlen wollen und können. Auf dieser Grundlage ist das Sanierungskonzept entstanden. Unsere Wohnungen haben eine hohe Wohnqualität, aber wir haben keine Luxussanierung durchgeführt. Ein solches Vorgehen kenne ich von privaten Wohnungseigentümern nicht. Die fragen sich zuerst, was sie am Markt an Gewinnen realisieren können.

 

Welchen Stellenwert haben Wohngenossenschaften auf dem Wohnungsmarkt in Deutschland und Berlin?

Es gibt auf jeden Fall zu wenige Genossenschaften. Die Bundesregierung, aber auch die Bundesländer haben zu wenig preiswerte Wohnungen gebaut. In Berlin sieht man an jeder Ecke ein Bauschild eines privaten Investors, der für 300.000 bis 500.000 Euro Wohnungen zum Kauf anbietet. Nach dem Bauschild eines kommunalen Wohnungsunternehmens muss man lange suchen. Es ist aber auch nicht so, dass sich jede Genossenschaft auch als Genossenschaft versteht. Ich weiß von Genossenschaften, die ihre Mieten regelmäßig an den Mietspiegel anpassen, obwohl sie das aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht müssten. Wir werden unsere Mieten nur erhöhen, wenn wir unsere Kosten nicht mehr aus den Mieteinnahmen decken können. Und wir werden gemeinsam darüber entscheiden.

 

Welche Chancen haben sich Bund, Länder und Kommunen mit der Veräußerung von eigenen Wohnungsbeständen zu Beginn der 2000er Jahre vergeben?

Durch das Altschuldenhilfegesetz wurden die kommunalen Wohnungsunternehmen von der Bundesregierung gezwungen, einen Teil ihres Wohnungsbestandes zu verkaufen. Das war ein schwerer Fehler. Unsere Häuser wollte die WBM privatisieren. Die Mieter sollten ihre Wohnung kaufen. Doch eine kleine Gruppe von Mieterinnen und Mietern hat sich zusammengefunden, um eine Genossenschaft zu gründen. Die WBM war nicht begeistert, hat aber offensichtlich erkannt, dass eine Privatisierung gegen den Willen der Mieter nicht durchsetzbar gewesen wäre.

 

Hat die letztjährig eingeführte sogenannte Mietpreisbremse bisher gegriffen?

Die Mietpreisbremse funktioniert nicht. Wir brauchen sie auch nicht in unserer Genossenschaft. Uns muss keiner bremsen. Warum sollten wir unsere eigenen Mieten erhöhen, wenn es nicht notwendig ist? Aber ich bekomme immer häufiger Anrufe von Menschen, die dringend eine preiswerte Wohnung suchen. Leider kann ich nicht helfen, weil alle Wohnungen vermietet sind und eine lange Warteliste existiert.

 

Benötigen wir wieder einen Sektor für gemeinnütziges Wohnen?

Die Wohnung darf nicht als Ware behandelt werden. Wohnen ist ein Menschenrecht. Wir brauchen mehr preiswerte Wohnungen in den Städten. In unserer Genossenschaft gibt es keine Entschädigung oder Sitzungsgelder für Vorstand und Aufsichtsrat. Wir haben eine kleine, effektive Verwaltung, die den Wohnungsbestand gut betreut. Wir sehen unsere Genossenschaft nicht als Geschäft an, sondern als eine Einrichtung, die vielen Menschen dauerhaft ein sicheres Zuhause bietet.