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»Geiz ist geil« beleidigt die Beschäftigten

erschienen in Clara, Ausgabe 3,

Werner Dreibus unterwegs im Niedriglohnsektor: Er dreht eine Runde mit dem Postboten Robert Pinkus von der PIN AG. Tausend Dienstleister stehen bereit, um der Post AG im nächsten Jahr mit Niedriglöhnen Konkurrenz zu machen.

Berlin Mitte, nördliches Regierungsviertel. »Moment, ich bin gleich wieder da.« Robert Pinkus stellt sein klobiges blaues Postfahrrad an der Ecke Charitéstraße/Reinhardtstraße ab. Er verschwindet mit einem Packen Briefe um die Ecke. Nach einigen Minuten ist er zurück und schiebt sein Rad ein Stück die Reinhardtstraße hinunter. »Das waren eben nur zwei Hauseingänge, da nehme ich das Rad nicht mit, das spart Zeit.« Vor der Hausnummer 19 holt der 35-jährige Zusteller blitzschnell mit der linken Hand Briefe aus der grünen Fahrradtasche und mit der rechten einen Schlüsselbund aus seiner Umhängetasche. Kurzer Blick auf die etwa 40 Schlüssel, und zack, auf Anhieb steckt der richtige Schlüssel in der Haustür. »Alles Übung und Ordnung.« Robert Pinkus verschwindet lachend im Hausflur. Als er wieder auftaucht und das Rad zum nächsten Eingang schiebt, scherzt er: »Fühlt sich leichter an, hab immerhin sieben Briefe weniger.«

Der Zustellbezirk ist Mischgebiet: Wohn- und Geschäftshäuser, politische Institutionen, Verbände, jede Menge Rechtsanwälte, Medienbetriebe und Kultureinrichtungen. »Es gibt Tage, da schiebe ich ungefähr 85 bis 90 Kilo durch die Gegend. Das Rad wiegt 20 Kilo«, sagt Robert Pinkus zu Werner Dreibus. Der Bundestagsabgeordnete aus Hessen ist einer der Vizechefs und gewerkschaftspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. Er will sich über die Arbeitsbedingungen bei den neuen Briefdienstleistern informieren.

Heute sei ein eher ruhiger Tag mit wenig Post, erzählt der Zusteller. Nur die vielen gelaufenen und wenig gefahrenen Kilometer bleiben die gleichen - 35 bis 40 an jedem Werktag. Bis zu zehn und mehr Stunden ist er dafür unterwegs.

Robert Pinkus’ Tour beginnt um acht Uhr in der Bezirksverteilstelle Mitte mit dem Einsortieren der Briefe in seine drei Fahrradtaschen. Dafür braucht er ein bis zwei Stunden. Dann radelt er in Richtung Haus der Bundespressekonferenz. Hier, zwischen Spree und S-Bahn, haben 150 Hauptstadtkorrespondentinnen und -korrespondenten ihre Büros und bekommen von Robert Pinkus meist Behörden- und Firmenpost. Darauf hat sich sein Arbeitgeber, die PIN AG - einer der etwa 1000 neuen Konkurrenten der Post AG -, spezialisiert. Mit seinen 900 Kolleginnen und Kollegen bringt Robert Pinkus täglich 600.000 Briefe der Berliner Senatsverwaltungen, der Dienstleistungsgruppe Dussmann, des Erzbistums Berlin, von Ikea oder der Entsorgungsfirma Alba unter die Leute. Das sind neben anderen Unternehmen und Verwaltungen die Großkunden der PIN AG. Im Preisvergleich mit der Post AG sind die neuen Briefdienstleister zwischen 10 und 20 Prozent billiger.

Um 80 Briefe erleichtert geht es mit einem kurzen Pedalritt in Richtung Reinhardtstraße. Dann per pedes ums Karree Albrechtstraße, Schumannstraße und Luisenstraße. Bis auf die wenigen Wohnblocks, wo Briefkästen an der Außenwand angebracht sind, muss der Briefbote sehr viele Türen aufschließen. An jeder Tür ein flüchtiger Blick in die Umhängetasche, schon baumelt das richtige Schlüsselbund an seinen Fingern und zielsicher steckt der passende Schlüssel in der Haustür. Zwischen zwei Haustüren immer wieder einen kurzen Dialog mit Werner Dreibus. Der erkundigt sich nach dem Wesentlichen - dem Lohn. Die PIN AG zahlt einen Mix aus Fixum und Prämien. Robert Pinkus bekommt 1060 Euro pro Monat ausbezahlt und wenn es keine Reklamationen gibt, eine Prämie von bis zu 400 Euro. Unter den Zustellern sei das ein »Spitzenlohn«. Mit seinen 35 Jahren gehöre er zu den Oldies der PIN AG. »Da zahlt es sich auch aus, dass ich seit einigen Jahren in der Firma bin«, spottet der Postbote.

Werner Dreibus interessiert sich für die »Normallöhne« bei der PIN AG. Die lägen zwischen etwa 700 und 900 Euro netto bei Vollzeit. Pinkus’ Kolleginnen und Kollegen sind in der Regel Anfang 20. Er kenne einige, die ergänzendes Arbeitslosengeld beantragen müssen. Im Klartext heißt das, dass die Löhne bei den neuen Post-dienstleistern im Westen der Republik um 40 Prozent und im Osten um 50 Prozent unter den Einstiegslöhnen der Post AG liegen, so der Politiker. Dann fragt er nach den Kriterien des Prämiensystems.

Robert Pinkus bringt erst den nächsten Stapel Briefe in ein Bürohaus. Dann sagt er: »Vielleicht steht jetzt gerade an der Ecke ein Qualitätsinspektor und wundert sich, dass ich fotografiert werde und ständig quatsche.« Das Prämiensystem wird durch ein betriebliches Qualitätsmanagement geregelt. Dabei spielen Pünktlichkeit der Zustellung, die Häufigkeit der Reklamationen und das Auftreten der Zusteller eine Rolle. Robert Pinkus zeigt bügelglatte Briefe: »Die werfe ich so in den Briefkasten. Nach mir kommt der Austräger mit den kostenlosen Wochenblättern und stopft die in den Kasten.« So kommt es vor, dass sich der Kunde über zerknitterte Briefe beschwert und der Zusteller hat das Nachsehen. Bei Krankheit und Urlaub fällt die Prämie ganz weg.

»Diese kurzsichtige Betriebspolitik mit einem System aus Bestrafung und unerlaubter Überwachung spottet jeder Beschreibung vom mündigen Arbeitnehmer. Zufriedenes Personal müsste für jede Firma ein hohes Gut sein«, resümiert Werner Dreibus. Dann würde sich auch das Problem mit der hohen Personalfluktuation lösen, meint Robert Pinkus. »Die Namen von neuen Kollegen merken wir uns erst nach drei Monaten.«

Inzwischen sind Werner Dreibus und Robert Pinkus am Schiffbauerdamm angelangt und laufen ein Stück an der Spree entlang. Die Posttaschen sind merklich leerer geworden, die Hälfte der Tour ist geschafft. Der Abgeordnete muss zurück in den Bundestag in eine Ausschuss-sitzung. Zum Schluss wird er sarkastisch: »Die deutschen Zeitungsverleger sind so notleidend, die müssen sich unbedingt ein Zubrot verdienen. Dass sie das auf dem Rücken der Beschäftigten mit dem lukrativen Briefgeschäft tun, ist nicht in Ordnung.« Die PIN AG ist nämlich eine Holding des Axel-Springer-Verlages, der zu den »big five« unter Europas Medien-häusern zählt. Dass ausgerechnet diese Großverlage beim Lohn eine »Geiz-ist-geil-Mentalität« an den Tag legen, sei eine Frechheit. Werner Dreibus verabschiedet sich und knurrt beim Weggehen: »Die Geiz-ist-geil-Kampagne verdirbt die Verbraucher und beleidigt auch die Beschäftigten. Deshalb brauchen wir flächendeckend Mindestlöhne von acht Euro.«

Vor Robert Pinkus liegt der zweite Teil seiner Tour rund um das alte jüdische Viertel zwischen Friedrichstraße, Torstraße, Rosenthaler Straße und Spree. »Ich bin hier so mittig - mittiger geht das gar nicht«, scherzt er. Dass er heute die halbe Tour in Begleitung eines Abgeordneten am Briefkasten der linken Wohngemeinschaft der Abgeordneten Hüseyin Aydin, Werner Dreibus und Axel Troost vorbeikommt, war bei der Terminabsprache nicht absehbar und ist wirklich reiner Zufall.

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