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Für mehr soziale Gerechtigkeit: Umsteuern!

erschienen in Klar, Ausgabe 9,

Berlin. Gelegentlich schlendern Ilona (42) und Rainer Ingendorf (60) an der Fleischtheke vorbei. Für den Sonntagsbraten, auf den sie Appetit haben, reicht das Geld nicht. Was auf den Tisch kommt, entscheiden die Sonderangebotsseiten der Discounter. „Das Geld ist einfach zu knapp“, sagt Ilona Ingendorf, die wie ihr Mann täglich bis zu zehn Stunden arbeitet.

Die Reformen der Bundesregierung sind bei Familie Ingendorf aus Neuenhagen bei Berlin angekommen: Kürzung der Pendlerpauschale und Mehrwehrsteuererhöhung, allein das bedeutet für die Ingendorfs und ihre zwei Kinder zirka 900 Euro weniger pro Jahr. Es ist ihr Anteil an den rund 25 Milliarden Euro, mit denen die Regierung Privathaushalte pauschal belastet.

Steuerexpertin Barbara Höll (DIE LINKE) nennt das eine „steuerliche Ungerechtigkeit in verschärfter Form“. Skandalös sei, dass vor allem Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen wie Familie Ingendorf darunter zu leiden hätten: „Und gleichzeitig werden die großen Firmen in Höhe von zehn Milliarden Euro entlastet. Allein durch die Reform der Unternehmensteuer.“

Dass ausgerechnet eine Familie wie ihre derart belastet wird, ist für Ilona Ingendorf angesichts der Preisentwicklung deprimierend. Fast wöchentlich liest sie Schlagzeilen wie “Gaspreisschock“ und „Lebensmittelkosten explodieren“. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen es: Allein die Preise für Lebensmittel stiegen im Jahresvergleich um 7,8 Prozent, vor allem für Brot, Milch, Käse und Obst.

Dabei sind Nahrungsmittel noch nicht einmal die größten Preistreiber: Diesel ist bis zu 16 Prozent und Super gut zehn Prozent teurer. „Keiner scheint dem Einhalt gebieten zu können“, sagt Rainer Ingendorf, der wie seine Frau auf ein Auto angewiesen ist, um zur Arbeit zu kommen. Darum trifft die Kürzung der Pendlerpauschale die Familie wie viele andere besonders hart.

„Eine gerechte Verteilung der Lasten sieht anders aus“, sagt Barbara Höll und fordert die alte Pendlerpauschale, eine Mehrwertsteuer von 16 Prozent, ein Kindergeld von 200 Euro und eine Veränderung des Steuertarifs. Finanzieren ließe sich dies dadurch, so Höll, dass man das Geld dort eintreibe, wo es ist: Bei Unternehmen, riesigen Erbschaften und Vermögen. Dort verzichtet die Regierung derzeit auf Einnahmen von etwa 43 Milliarden Euro.

Für die Ingendorfs würde sich dann einiges ändern. In der Familienkasse wäre deutlich mehr Geld und vielleicht hätte Ilona Ingendorf dann auch wieder Lust am Einkaufen. Denn die, so sagt die zweifache Mutter, habe sie schon längst verloren.

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