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„Für eine alternative Stadtpolitik“

erschienen in Klar, Ausgabe 43,

Wie entstand die Idee für den Film „Das Gegenteil von Grau“?

Matthias Coers: Bei einer der Aufführungen von „Mietrebellen“ im Ruhrgebiet im Jahr 2014. Aktive von Recht auf Stadt – Ruhr zeigten Interesse an einem Film zum Thema Stadt und Wohnen in ihrer Region. So begann die Recherche, Kontakte entstanden. In den Jahren 2015 und 2016 war ich gut 30 Tage im Ruhrgebiet, und wir haben dann gedreht. Wir trafen auf normale Menschen wie am Zinkhüttenplatz in Duisburg, die von Wohnungsnot und Verdrängung betroffen waren. Und auf junge Aktivisten, die sich für Freiräume einsetzen, oder auf Seniorinnen und Senioren, die ein Gewächshaus besetzten, um ein gemeinsames Gartenprojekt zu realisieren.

Inwieweit ist der Film ein Mutmacher?

Bei den Aufführungen gab es im Ruhrgebiet Begeisterungsstürme. Aber auch internationale Reaktionen haben mir gezeigt, wie wichtig so ein Blick auf die sonst eher in der Randberichterstattung der Medien auftauchenden Themen ist. Insofern ein Mutmacher für alle jene, die sich gesellschaftskritisch engagieren und für eine alternative Stadtpolitik im Interesse der Wohnqualität für die Menschen einsetzen.

Welche Aufführungen gab und gibt es außerhalb des Ruhrgebiets?

Der Film läuft mit guter Resonanz zum Beispiel in Berlin, München, Hamburg und anderen Städten in Deutschland. Es gibt aber auch Anfragen für Aufführungen in Griechenland, den Niederlanden, Spanien und Lateinamerika. Die Probleme sind überall bekannt, und deshalb interessiert es, diese Beispiele aus dem Ruhrgebiet zu sehen, wie sich Menschen mit Initiativen organisieren und zur Wehr setzen – trotz oft widriger Umstände.

Welche Beispiele gibt es dafür?

In Berlin geht es am Leopoldplatz um die Gestaltung und Bewahrung öffentlicher Räume. In Braunschweig kämpfen Menschen für die Erhaltung ihres Wohnraums gegen Nobelinvestoren. In Halle an der Saale setzen sich Künstlerinnen gegen Verdrängung von Wohn- und Kunsträumen zur Wehr. Das passiert nicht nur in den Großstädten.

Im Film geht es vor allem darum, dass Menschen die Qualität ihres Wohnumfeldes selbst verbessern und so den Gemeinsinn stärken. Wie haben die Menschen auf die Dreharbeiten reagiert?

Fast immer positiv, sie fühlten sich ernst genommen. In Dortmund hat sich eine Bürgerinitiative VeloKitchen gegründet. Da kochen die Leute zusammen, holen ihre Produkte aus einer solidarisch geführten Landwirtschaft und reparieren Fahrräder und machen so einen harten Stadtteil ein Stück lebenswerter. Andere leben bewusst und aus freien Stücken auf einem Wagenplatz, müssen aber Verdrängung fürchten und kämpfen dagegen. In Oberhausen hat eine Initiative dauerhaft den Bahnhofsturm gemietet und ein künstlerisches Begegnungszentrum geschaffen, von dem die gesamte vernachlässigte Innenstadt profitiert.

Wie fielen denn die Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer bei der Premiere des Films und den ersten Vorstellungen aus?

Bei der Filmpremiere in Duisburg stand ein älterer Herr aus dem Publikum auf und sagte: „Das ist der Film, auf den wir hier 20 Jahre gewartet haben.“ Er bezog sich auf die Erfahrungen nach dem Strukturwandel und dem Bedeutungsverlust einer ganzen Region, der nur durch gemeinsames Engagement derjenigen, die da leben, verhindert werden könne. Außerdem haben sich viele Leute, die in unterschiedlichen Projekten tätig sind, sehr für diesen Film bedankt und sich in ihrer Tätigkeit bestätigt gefühlt.

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