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Früh geschieden, spät bestraft

erschienen in Querblick, Ausgabe 19,

Frauen aus der ehemaligen DDR, deren Ehe vor1992 geschieden wurde, wehren sich gegen die Benachteiligung bei ihrer Rentenberechnung.

Oktober1990, das geteilte Land findet wieder zusammen. Der Einheitsvertrag regelt etliches, für manches bleibt keine Zeit. Für solche Fälle soll es Sonderregelungen geben. Später, irgendwann. Auch für den Renten­versorgungsausgleich von Frauen, die zu DDR-Zeiten geschieden wurden. Doch passiert ist nichts.

Von ursprünglich etwa 800.000 Frauen, deren Ehe vor dem 1.Januar 1992 in die Brüche ging, leben heute noch etwa eine halbe Million. Und sie leben von einer äußerst bescheidenen Rente. Der Grund: Per Gesetz wird ihnen der Versorgungsausgleich – wie er seit dem Jahr1977 nach einer Scheidung den Frauen in der Bundesrepublik zusteht – verwehrt.

Das merkten die Frauen im Osten erst spät. Mit dem Rentenbescheid kam das böse Erwachen. Monatliche 355 Euro, 580 Euro, 630 Euro. Mal mit ein paar Euro mehr, mal ein paar weniger. Abgespeist für vierzig Jahre Arbeit, Kindererziehung, Familienbetreuung.

Dieser Frauengeneration stand in den 1950er, 60er und zu Beginn der 70er Jahre keine flächendeckende Kindergartenversorgung zur Verfügung. So blieben die Frauen zu Hause, arbeiteten später halbtags oder in Berufen, die mäßig bezahlt wurden. Als Verkäuferin, Friseurin oder Krankenschwester. Ihre Männer machten derweil Karriere, erlitten keine Gehaltseinbußen.
Auch war das Rentenrecht der ver­gangenen DDR ein anderes. Erziehungszeiten schlugen mehr zu Buche, und am Ende hätten die letzten zwanzig Arbeitsjahre für die Rentenberechnung gezählt. Eine Zeit, in der die Kinder groß und die Frauen wieder komplett in Lohn und Brot waren.

Im Jahr 1999 gründeten die Betroffenen den Verein »In der DDR geschiedene Frauen«. Erst zaghaft, dann aber Jahr für Jahr demonstrieren sie in Leipzig. Das Bundesverfassungs­gericht wies ihre Klage ab. Die Frauen zogen weiter zum Europäischen Gerichtshof. Jetzt interessiert sich sogar ein UN-Untersuchungsausschuss für die rentenbenachteiligten Frauen.

Am 3. März, unmittelbar vor dem Jubiläum des100. Internationalen Frauentags, sind die geschiedenen Frauen wieder auf der Straße. In Leipzig vor der Nikolaikirche. »Wir sind zwar alt«, sagt die Vereinsvorsitzende Ute Lauterbach, »aber wir verstecken uns nicht. Wir bitten nicht, wir wollen auch keine Armutslösung. Wir wollen Gerechtigkeit.«  

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