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Friendship: »Ich will den Leuten Würde geben.«

erschienen in Clara, Ausgabe 15,

Der erfolgreiche Filmproduzent Tom Zickler über Mauerfall, Freundschaft und Lothar Bisky

Im Abspann von »Friendship« steht: »nach Erzählungen von Tom Zickler«. Wie viel Tom Zickler steckt denn drin?

Tom Zickler: Es ist nicht alles wahr, aber im Endeffekt sind es die Dinge, die ich tatsächlich erlebt habe.

Zwei junge Männer, nicht auf den Mund gefallen, behütet aufgewachsen in der überschaubaren DDR. Die ist gerade krachen gegangen, und die beiden beschließen, an den westlichsten Punkt der Welt, nach San Fransisco zu reisen. Gleich 1990.

Genau. Ich war Student an der Filmhochschule Babelsberg. Wir hatten noch Fächer wie »Politische Ökonomie des Sozialismus«, und es war mir schon klar, dass die den Lehrplan jetzt ein bisschen umstellen müssen. Und hab’ dann gedacht, okay, die brauchen wahrscheinlich ein Jahr, um mit ihrem Lehrplan auf die neuen Gegebenheiten zu reagieren. Da nutze ich doch die Zeit, um endlich mein Fernweh zu befriedigen. Ich habe dann ein Jahr Pause beantragt. Wir wollten Englisch lernen, sind schon im März 1990 mit 55 Dollar in der Tasche losgeflogen.

War das mutig oder naiv?

Zu Beginn war da nur Staunen. Wenn man nach oben schaut, die Architektur! Es war Freitagnachmittag, ich hab’ zu Fayd gesagt: »Du, es ist kurz vor 18 Uhr, wir müssen schnell fürs Wochenende einkaufen, sonst haben wir ein Problem« (lacht). Das drückt es vielleicht am besten aus. Dort, wo die Läden rund um die Uhr geöffnet haben, dieser Gedanke, noch schnell einzukaufen, bevor die Läden dicht machen. Wir waren ja keine Trottel, eben nur naiv. Das war eine komplett andere Welt. Fish out of water, das ist so, wenn zwei Kulturen aufeinander krachen. Gerade die Amis, die so stolz auf ihre Individualität sind, und wir waren eben Kollektivmenschen, so erzogen. Das ist ja auch nichts Schlechtes, wenn man an den anderen denkt.

Wann haben Sie den Film und damit ja auch ein Stück eigenes Leben zum ersten Mal gesehen?

Im Oktober letzten Jahres war der Film fertig, da konnte ich mich zum ersten Mal auf die Geschichte, die Musik, die Emotionen einlassen. Und das war sehrnfair von allen. Als der Film vorbei war, sind alle rausgegangen, haben mich allein gelassen. Ich hab’ echt zehn Minuten geweint. Das hat mich schon sehr, sehr mitgenommen.


Geweint, warum? Waren die Erinnerungen plötzlich wieder so nah? Oder auch, weil Tom Zickler inzwischen ein anderer geworden war?

Auf jeden Fall. Dass ich Filmproduzent geworden bin, ist durch die Reise passiert. Sonst hätte ich nie dieses Selbstbewusstsein getankt. Ich hab’ nur ein einziges Mal aus San Francisco meine Filmhochschule angerufen und gefragt, ob sie abgewickelt werden. Und die sagten, nee, wir bleiben. Am 10. Oktober geht’s weiter. Ich hab’ gesagt, okay, dann bin ich wieder da. Ich bin wirklich an dem Tag angekommen. In Frankfurt/Main gelandet, mit dem Zug nach Berlin, dann mit meinem Rucksack um 10 Uhr zur Immatrikulation. Am nächsten Tag habe ich auch gleich eine Firma gegründet. Ich hatte in Amerika gesehen, wie es geht. Wahrscheinlich alle Fehler dieser Welt gemacht, viel Geld verloren. Es ist vielleicht ja auch nicht der normale Weg, als Lehrerkind aus dem Osten, Filmproduzent zu werden. Ohne diese Reise hätte ich den Mut nicht gehabt.

Mutig waren Sie doch auch schon vorher. Sie haben »10 Tage im Oktober« gedreht. Sie waren 1989 mit der Kamera bei den Demonstranten, auf Straßen und Plätzen, in der Kirche. Umzingelt von der Polizei?

Das muss ich echt sagen, Lothar Bisky (damals Rektor der Filmhochschule: Anmerk. der Red.) hat da ja eine ganz, ganz tolle Rolle gespielt. Es ging los mit China, mit der Aktion auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Danach kamen irgendwelche Leute vom ZK in die Filmhochschule und wollten uns erklären, was passiert ist, und uns warnen. So nach dem Motto, wenn ihr das hier auch vorhabt, wird das Gleiche mit euch passieren. Sie haben das nicht direkt gesagt, aber durch die Blume. Daraufhin hat Bisky die rausgeschmissen. Und zu uns meinte er, ihr seid in einer privilegierten Stellung, ihr könnt die Meinungen dokumentieren. Durch den Film. Ihr könnt es unter das Volk bringen. Jemand, der in irgendeiner Kaufhalle in Thüringen arbeitet, hat es da schwerer. Ihr habt diese Chance, und er hat das auch von uns verlangt.

Was passierte dann?

Ich bin am 6. Oktober ’89 mit meiner Super-8-Kamera nach Berlin gefahren, weil der Fackelzug sein sollte. Da haben wir gefilmt. Auch in Potsdam. Da wurde ich aber schon nach zehn Minuten rausgezogen, mit drei anderen. Wir kamen ins »Lindenhotel«, diesen Stasi-Knast. Montag früh wieder raus. Mit einer Kamera bin ich dann sofort in den Prenzlauer Berg, in die Gethsemane-Kirche. Die Kirche war voll. Wir hatten alle Angst. Es wurde erzählt, dass so viele Militärverbände nach Leipzig geschickt worden waren, Kneipen zu Lazaretten umgebaut wurden. Und dann kam der Anruf aus Leipzig, dass die …?(Tom Zickler unterbricht, schluckt, kämpft mit Tränen). Entschuldigung, das kommt immer wieder hoch. Das war der größte Moment für mich, als die Leute hörten, die schießen nicht.

Hatten Sie damals das Gefühl, Augenzeuge und Dokumentarist von etwas ganz Außergewöhnlichem zu sein?

Ich habe viel mit meinen Eltern gesprochen. Die sind Akademiker. Sie erzählten mir, 1961 war so eine Stimmung. Sie dachten, okay, jetzt ist die Mauer, jetzt können wir den Sozialismus aufbauen, wie wir ihn wollen. Jetzt stört niemand mehr. Die DDR hatte ja nie eine Chance. Hier werden sie ausgebildet, billig, und dann sind viele rüber in den Westen gegangen. Dazu die ganzen Reparationszahlungen. Westdeutschland hatte den Marshallplan und hier haben sie die Fabriken abmontiert, nach Russland geschickt. Die Mauer sollte eine Chance sein. Aber am Ende war sie zerstörerisch, ohne Freiheit. Darum geht es auch bei »Friendship«. Um dieses Gefühl.

Über 1,5 Millionen Zuschauer haben den Film seit Januar gesehen. Was glauben Sie, mögen die Leute an »Friendship«?

Ich glaube, der Film ist so erfolgreich bei jungen Menschen, weil, er eine Freundschaftsgeschichte erzählt. So einen Freund möchte man haben, mit so einem Kumpel kann man das machen. Von den Filmen, die ich gemacht habe, zählt er zu den erfolgreichsten.

Ist der Film unterschiedlich in Ost- und Westdeutschland gelaufen?

»Friendship« lief gut im Osten und im Westen. Ich habe immer gesagt, mit dem Film will ich den Leuten eine Würde geben. Denn ich habe es auch bei meinen Eltern erlebt. Am Anfang wurde immer gesagt, ist ja ganz interessant, aber vergesst mal die letzten 28 Jahre. Jetzt geht das richtige Leben los. Aber das richtige Leben ist sich verlieben, Kinder kriegen und so etwas. Leben ist nicht Flachbildschirm oder Bananen kaufen. Aber ich wollte mit dem Film einfach zeigen, dass da auch gute Leute rausgekommen sind. Wir uns nicht verstecken müssen. Ich denke, das ist mir mit dem Film gelungen. Wenn man ihn sieht, dann kann man auch stolz sein als Ossi. Da ist nichts Peinliches, nichts Entschuldigendes. Ich glaube, dass die Leute sich wiedererkennen.

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