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»Freiheit gab es nur für Warlords«

erschienen in Klar, Ausgabe 22,

Seit zehn Jahren tobt in Afghanistan Krieg. Klar hat den jungen Afghanen Said Mahmoud zur Lage im Land befragt.

Vor zehn Jahren begann der Krieg. Welche Bilanz ziehen Sie?
Die Situation in meinem Land wird immer schlimmer. Wir haben eine dramatische Sicherheitslage. Täglich Angriffe der Nato-Truppen und Taliban, die immer aktiver sind. Mittlerweile können sie jede Art von Terroranschlag machen, den sie wollen. So wie vor wenigen Wochen, als sie das Regierungsviertel in Kabul angriffen.


Dabei sollte doch der Einsatz Afghanistan und seinen Menschen Freiheit bringen?
Der Krieg hat vor allem den Warlords Freiheit gebracht, aber nicht den einfachen Menschen. Täglich werden mehr als 40 Menschen von den Taliban und Nato-Truppen ermordet. Für die Toten – die in der Regel Zivilisten sind – ist es egal, welche Seite sie umgebracht hat.


Wie sieht der Alltag der Menschen aus?

95 Prozent der afghanischen Frauen haben keine Schulbildung, sind Analphabeten. Mehr als 70 Prozent meiner Landsleute müssen mit weniger als 30 Cent amTag zum Leben auskommen. Dabei sind die Preise so unglaublich hoch. Tausende sterben pro Jahr an verschmutztem Wasser, und die medizinische Versorgung ist schlecht.


Was sind die größten Fehler der Nato-Truppen in diesem Krieg?
Sie haben nicht mit jenen Kräften in Afghanistan zusammengearbeitet, die das Land wirklich hätten aufbauen können: der jungen demokratischen Bewegung, mit Menschen, die kein Blut an den Händen haben. Stattdessen haben die westlichen Truppen täglich die Rechte der Menschen missachtet. Ihre Häuser ohne Erlaubnis betreten, Dörfer bombardiert und Kinder, Frauen und alte Männer umgebracht. So haben sie immer nur die Warlords und Taliban gestärkt.


Die westlichen Regierungen haben viel Geld für Aufbauprojekte nach Afghanistan überwiesen. Kommt das Geld wirklich an?
Vor allem in den Taschen der Warlords. Weil sie in den wichtigsten Positionen sind, landet das Geld bei ihnen. Solange die Korruption so ist, wie sie ist, kommt kaum Geld bei den Projekten und Menschen an.


Was glauben Sie, könnte den Afghanen und Afghaninnen wirklich helfen?
Wir brauchen Fortschritte bei der Bildung. So könnten sich die Menschen in Afghanistan irgendwann selbst helfen. Zudem muss die junge demokratische Bewegung in Afghanistan gestärkt werden. Sie braucht finanzielle und personelle Hilfe. Dazu braucht es eine internationale Vernetzung von Antikriegsbewegung und den Menschen hier im Land, um gemeinsam gegen Besatzung, Taliban und Warlords vorzugehen.

Said Mahmoud (26) lebt in Kabul und ist Sprecher der Afghanischen Solidaritätspartei

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